This was a triumph..

Morgen ist Frauentag. Aus diesem Anlass hat der Ami heute Rosen in der Schule verteilt. Und anschließend in der ganzen Straße. Ich musste mitkommen, damit er nicht wirkt wie ein hilfloser Junggeselle auf der Suche nach Anerkennung, aber ich glaube nicht, dass das viel gebracht hat.
Gestern war ich noch mal im Theater, diesmal Carmina Buhrana. Und auch das, wow. Ein Chor, ein Orchester, wahnsinnige Atmosphäre. Nur die Zuschauer, die sind ein bisschen nervig. Die einen finden ihre Plätze nicht, bis eine halbe Stunde nach Beginn der Aufführung. Bei den anderen klingelt ständig das Handy. Und wieder andere können nicht die Klappe halten. Aber so ist das wohl wenn man sich an öffentliche Plätze begibt, man kann Menschen nicht ausweichen.
Abgesehen davon haben wir heute neue Mitschüler bekommen und eine davon kommt aus Münster. Abgesehen davon, dass ich endlich mal wieder ein bisschen Deutsch reden kann, ohne, dass mich jemand auslacht (ich hätte nie gedacht, dass ich das jemals sagen werde), gebietet sie auch der Invasion der „britischen Mafia“ (Zitat Dozentin) einhalt. Meine Gastfrau ist heute nicht da, weil sie über die Feiertage auf die Datscha verreist ist, also habe ich den Ami und die Münsteranerin gleich eingeladen, um all das Essen zu vernichten, das sie mir hinterlassen hat. Was gut geklappt hat. Aber den Kuchen, der schmeckt und riecht, als sei er in einem Rumfass geboren, den wollte niemand anrühren. Na ja. Dann eben nicht.

Russia Libre

Ich würde ja gerne fröhlichere Bilder beitragen. Aber der Himmel ist permanent grau und es sieht alles etwas trostlos aus. Vor allem aber ist es laut. Zu keiner Tages- oder Nachtzeit kehrt hier Ruhe ein. Egal wo man ist, man hört überall vorbeirasende Autos. Telefonieren auf der Straße ist beinahe unmöglich. Aber das Hockeyspielen war großartig. Ich habe zwar kein Tor erzielt, aber zwei Assists auf meinem Konto, was immerhin etwas ist für jemanden der fast fünf Jahre lang nicht auf dem Eis stand. Auch der Couchsurfing-Treff am Donnerstag war spaßig. Ich habe die wichtige, wenn auch fatale, Entdeckung gemacht, dass Cuba Libre sehr günstig sein kann – 200 Rubel (c.a. 2,20€)! Nun, glücklicherweise kümmern sich meine Freunde immer darum, dass ich irgendwie nach Hause komme.
Für das Hockeyspielen war der darauffolgende Kater nur nicht so ideal. Na ja. Selbst Schuld.
Gestern war ich im Marinsky, Romeo und Julia, Ballett. Ich bin ja eigentlich nicht davon ausgegangen, dass mir das gefällt, aber es war ziemlich atemberaubend. Herzerwärmend herzzerreißend. Romeo und Julia ist ja sowieso eines meiner Lieblingsstücke und die Atmosphäre war einfach der Wahnsinn. Tanja hat es für mich auch mal wieder zu gut gemeint und mir nicht nur ein, sondern gleich drei Tickets für verschiedene Aufführungen gekauft. So gehe ich heute Abend also zu Carmina Burana. Nicht, dass ich Zeit hätte (nicht, dass ich Zeit hätte für irgendwas), meine Hausarbeit will immer noch geschrieben werden (obwohl ich schon recht weit fortgeschritten bin inzwischen), ich habe Hausaufgaben und Extraaufgaben, genug zutun, aber na ja. Während ich gestern unterwegs war, hat Tanja mein Zimmer aufgeräumt. Sie ist wie die Mutter, die ich nie hatte. Ich versuche das einfach als solches zu sehen, auch wenn es sich natürlich trotzdem sehr unangenehm anfühlt, wenn eine prinzipiell komplett Fremde deine Sachen ordnet.. aber nun, ich kann ja jetzt auch schlecht etwas daran ändern.

Liebe, 24 Stunden

Und auf dem Asphalte stand geschrieben: LIEBE 24 STUNDEN. Und auf dem Asphalte ebenfalls stand geschrieben: ARBEIT FÜR MÄDCHEN. Und auf den Wänden stand DROGENABHÄNGIG? ALKOHOLPROBLEM? ES GIBT EINEN AUSWEG!

Die Russen wissen eben, worauf es ankommt. Liebe, Arbeit und Vergnügen, die drei Grundpfeiler des Lebens. Einerseits.

Andererseits: als ich mich heute auf dem Weg zur Schule befand, kam mir Trolleybus Nummer 11 Richtung ulitsa korablestroitelej entgegen. In fröhlichen Farben trug er an diesem Tag die Aufschrift „Спасибо за победу!“, danke für den Sieg. Daneben eine Friedenstaube mit den Worten „70 Jahre“. Ich bin nicht patriotisch, und ich bin nicht der Meinung, dass man mit einem Feiertag (09. Mai, Tag des Sieges) einem der schrecklichsten Kriege allerzeiten gedenken sollte. Vor allem dann nicht, wenn sich die Barbaren von damals als Retter von heute ausgeben, aber nun denn. Um es mit typischer turbostaatlicher Eloquenz auszudrücken: so ist das wohl, so ist das.

Nebenbei, Feiertag war gestern auch in meinem Leben. Nach einem Spaziergang durch die Straßen entschied ich mich dazu, Wareniki (gefüllte Teigtaschen) zu machen. Und nach den ersten drei, die wie immer missraten aussahen, kam mir plötzlich der Geistesblitz über die richtige Falttechnik. Kann sein, dass das die russische Aura der Küche war, jedenfalls bin ich jetzt erleuchtet. Und lecker waren sie! Ich bin stolz. Nach fünf Jahren der Unwissenheit, nach fünf quälend langen Jahren, in denen ich mich immer fragen musste: wie? WIE VERDAMMT?, ist es endlich vorbei.
Nun denn, heute Abend ist Couchsurfingevent und nächste Woche Dienstag ist frei, Tag der Frau. Ich gehe mit dem Ami, das wird bestimmt interessant. Vielleicht lerne ich einen reichen russischen Oligarchen kennen, heirate, stürze Putin, setze mich auf den Zarenthron und regiere Russland. Vielleicht.
Vielleicht tanze ich aber auch nur auf dem Tisch und wir singen alle Arm in Arm всё нормально, супер гут.

EDIT: wir haben wirklich супер гут gesungen. Feier ich.

Nimm dir mehr!

Petersburg ist so ziemlich das verschneite Äquivalent Londons. Der Himmel ist pausenlos grau, Wolken ziehen ihrer Wege, Kassiererinnen sind immer schlecht gelaunt. Inzwischen ist der Schnee dem Eis gewichen und die Leute blockieren ständig mit ihrem Hintern den Bürgersteig. Es ist auch kälter geworden, aber mir persönlich ist es ziemlich egal, ob jetzt -8 oder nur -1 Grad herrschen, kalt ist kalt. Nach einer Woche bin ich mit den Briten noch keinen Schritt voran gekommen, obwohl mir eine meiner Kursmitgliederinnen gesagt hat, mein Pullover sei schön – das muss man vielleicht auch als Erfolg sehen. Ansonsten war ich gestern mit dem Ami, dem Texaner und dem Spanier in einem Restaurant, das „der Zar“ hieß und das wir hauptsächlich besucht hatten, weil das Gerücht umging, die Toiletten dort seien so schön (waren sie wirklich. Eingebettet in einen Thron in einem Raum voller pornografischer Malereien, deren pikanteste Stellen mit hübschen grellgrünen Blättern überdeckt waren). Im Zar konnte man einen Granatapfelsaft für 1000 Rubel (c.a 12€) oder heiße Schokolade für 350 Rubel (ca. 4,50€) bestellen. Ich habe mich für die heiße Schokolade entschieden, aber sie war nicht besonders atemberaubend. Dafür war die Bedienung nett und am Ende meines Aufenthaltes durfte ich auf einem Thron sitzen und die Herrschaftsinsignien in der Hand halten, das sind die 4,50€ doch schon fast wert.
Ja, nun. Am Freitag gehe ich dann Eishockey spielen. Ich bin gespannt. Wie ich mich kenne ziehe ich mir irgendeine absurde Verletzung mit fantastischem Namen zu und mein Aufenthalt ist vorbei, aber das Risiko gehe ich ein. Dadurch, dass ich hier so sehr mit leckerem Essen vollgestopft werde („Nimm Butter! Nimm mehr Butter! Iss noch ein Brot! Nur einen kleinen Schluck Wein! Noch einen!“) bin ich ganz froh um sportliche Betätigung. Auch die Tatsache, mal nicht mit den immergleichen Leuten aus der Schule rumhängen zu müssen ist verlockend.
Es ist übrigens etwas außergewöhnliches passiert. Es ist das eingetreten, wovor ich mich so sehr gefürchtet habe, bevor ich abgefahren bin. Etwas ganz und gar abenteuerliches.
Kohl.
Ich habe Gerichte gegessen, die zu 90% aus Kohl bestanden – und sie waren lecker! Was aber nicht heißt, dass ich das Zuhause nachmache. Das sind besondere Umstände. Überhaupt weiß ich auch gar nicht, was das war oder wie man das nachmacht und nein, das kann ich unmöglich fragen.

Ob ich wohl immer noch ich sein werde, wenn ich wiederkomme? Oder werde ich zu einer kohlessenden, eishockeyspielenden Maschine mutieren? Wer weiß. Wer weiß..

Meine liebste Phrase

Gestern wurde ich gefragt, was denn meine liebste deutsche Phrase sei. Ich konnte nicht antworten – beim ganzen Hin- und Herschalten zwischen Englisch und Russisch habe ich mein Deutsch irgendwo vergessen. Aber nicht schlimm, als ich heute gefragt wurde, ob ich ins Marinski Theater gehen möchte, es gäbe da jemanden, der billig an Tickets kommt, fragte ich meine Freunde nach Begleitung – und erntete nur Ablehnungen. Theater? Ballett? Oper? Nichts für mich! „Kulturbanausen“, dachte ich und da war sie: eine meiner liebsten deutschen Phrasen. Wie übersetzt man das ins Russische? Ich habe nur gesagt „Leute, die Kultur nicht mögen“, aber ich finde, das ist nicht alles. Ich sah mich heute mit dem Vorwurf konfrontiert, man habe im Deutschen ja für alles ein Wort, zur Not denke man sich eben eins aus, man könne ja alles zusammenfügen, wie es einem passe. Ja und nein. Ich war ja schon immer der Meinung, dass dem Deutschen so manche Spezifika fehlten, aber Kulturbanause ist eines, das ich brauchbar finde. Ich habe das Gefühl, ich lerne hier in Russland mehr über meine eigene Sprache und Kultur als alles andere. Dinge, über die man sich Zuhause nie Gedanken macht. Besonders interessant zu beobachten ist auch das Aufeinanderschmettern von Briten und Russen. In meinem Sprachkurs sind ausschließlich Briten. Alles nette Menschen, aber total reserviert. Höflich, aber kein Stück neugierig. Und auf der anderen Seite die extrem wissbegierigen, äußerst einladenden Russen. Kommst du mit zur Geburtstagsparty? Willst du mit uns Hockey spielen? Gehst du ins Theater? Komm doch mit! Das klingt ein bisschen stereotyp, in Schubladen gepackt und mit Aufklebern versehen, aber jedes Klischee enthält ein Körnchen Wahrheit.
Mein Ziel für diese Reise: sich mit den Briten zu betrinken. Challenge accepted!

Only in Russia

Tja. Da bin ich nun. In St. Petersburg. In Russland. Ganz wirklich. Für mindestens acht Wochen.
Wie aufregend.

Ich bin seit nunmehr einer Woche hier und habe schon dieses typische Heimatgefühl entwickelt, alles fühlt sich so ewig an. Und so russisch. Vor allem so russisch. Petersburg zeigt sich von seiner besten, winterlichsten Seite: verschneit, kalt und irgendwie geheimnisvoll leuchtend-düster. Es wird nicht richtig dunkel, weil das Licht der Straßenlaternen nachts das strahlende Weiß reflektiert. Was gibt es über Russland zu sagen? Es ist alles wahr. Alles, was man immer so hört. Gestern war ich auf einer russischen Geburtstagsfeier. Plötzlich ist einer der Gäste aufgestanden und hat beschlossen, eine neue Glühbirne anzubringen. Als ich ihn darauf hinweisen wollte, dass er doch vorher den Strom abstellen müsste, hat er das Licht ausgemacht. Dann wurde gelacht. Er hat überlebt. Und jetzt die Frage: sind wir spießig, oder sind die lebensmüde?
Wahrscheinlich beides, irgendwie.
Aber die Menschen sind wundervoll. Zumindest die, die ich bisher kennenlernen durfte. Ich bin nun auch offiziell Russin, ich habe Bruderschaft getrunken, über Kreuz, auf Ex, drei Küsschen, немецко-русская дружба, deutsch-russische Freundschaft.
Es sind die kleinen Dinge.

 

NACHTRAG: Er hat natürlich nicht nur einfach eine Glühbirne gewechselt. Er hat eine neue Lampe installiert an der Decke. Der Punkt ist: es wurde an Kabeln herumgefummelt. Ich finde das besorgniserregend!

#Irgendwo in Schweden

Irgendwo in Schweden. Mein Freund und ich laufen etwas entlang, das wir für die Hauptstraße des Dörfchens befunden haben, in dem wir uns gerade aufhalten. Es ist ein goldener Herbstmittag, die Sonne scheint, es ist zwar nicht wirklich warm, aber auch nicht kalt. Vereinzelt ziehen Wolken über den Himmel, der Tag bisher hätte besser sein können, aber es geht voran und die Stimmung ist gut. Unser Ziel ist Västervik, eine Stadt am südöstlichen Ostseerand Schwedens und wir befinden uns noch einige Kilometer südlich. Wir sind seit zwei Tagen im Land und haben unsere Erwartungen schon mächtig runtergeschraubt. Wir trampen, oder besser gesagt – wir versuchen, zu trampen, denn anscheinend ist das Land nicht gerade für seine Offenheit Fremden gegenüber bekannt. Aber egal – wir haben Zeit, also laufen wir mit ausgestrecktem Daumen weiter und singen Lieder.
Wir haben uns schon ein Stück von der Dorfmitte entfernt, als die Wolken anfangen, sich zusammenzuziehen. „Sieht nach Regen aus“, merke ich an. Mein Freund nickt. Wir schauen uns besorgt an. Es ziehen hier nur wenige Autos entlang, bisher starrten uns nur skeptisch dreinblickende Augenpaare von hinter der Windschutzscheibe musternd an. Unsere gute Laune beginnt langsam zu verfliegen, aber wir haben keine große Wahl. Entweder die paar Kilometer mit dem schweren Rucksack wieder zurücklaufen oder bis in die nächste Stadt mitgenommen werden lautet die Devise. Wir entscheiden uns für letztere Option und singen weiter.
Plötzlich blinkt jemand, das Bremslicht flackert auf, er fährt an den Seitenstreifen, hält an und winkt uns zu sich heran. Ich frage ihn, wo er hinfährt, aber sein Englisch ist nicht gut und wir verstehen ihn nicht genau. Da wir aber Angst vor dem Regen haben entscheiden wir uns, bei ihm einzusteigen. „Bis zur nächsten Tankstelle“, meine ich herausgehört zu haben und Tankstellen sind prinzipiell erst mal immer ein guter Anhaltspunkt.
Prinzipiell.
Denn die „Tankstelle“, zu der er uns bringt, ist auch nur ein Stück die Straße runter – nun sind wir allerdings zu weit weg, um zu Fuß wieder zurück in Richtung Dorf zu gehen. Wir wollen uns gerade umdrehen, als der Mann grußlos davon fährt. Es beginnt zu regnen.
„Immerhin, an Tankstellen gibt es Essen, Trinken und Toiletten – damit fange ich erst mal an“, sage ich zu meinem Freund und stapfe auf das kleine Häuschen zu. Der Kerl hinter der Kasse scheint nicht begeistert über mein Anliegen, hat aber Nachsehen und überreicht mir schließlich den Toilettenschlüssel. Als ich das Badezimmer betrete bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht lieber wieder umkehren und in den Wald gehen möchte. Schließlich gebe ich dem Mann seinen Schlüssel zurück, er nickt mich grimmig an und starrt weiter ins Leere. Viel zu tun hat er nicht, denn seine Dienste werden nicht besonders oft in Anspruch genommen – es ist eine Selbstbedienungs-Tankstelle.
Der Regen nimmt zu. In regelmäßigen Abständen schleicht eine alte Frau um uns herum. „Die finde ich irgendwie gruselig“, sagt meine Begleitung. Ich stimme zu. „Aber im Endeffekt ist es nur eine alte Frau. Was soll sie schon tun?“ In dem Moment kommt sie mit rasender Geschwindigkeit auf uns zu und brabbelt unverständliches Zeug. „Entschuldigung, ich spreche kein Schwedisch!“, sage ich, aber es interessiert sie nicht. Wir gehen ein Stück zurück. Sie entfernt sich. Ich atme auf. Eine halbe Stunde später sehen wir sie, wie sie sich uns wieder von der anderen Straßenseite aus nähert. Sie fängt an, zu rufen. Hilflos schaue ich meinen Freund an. „Und jetzt?“ Er schüttelt den Kopf.
Unsere Lieder sind inzwischen vollends verstummt, der Regen trommelt auf das Dach und wir sind inzwischen froh, bei der Tankstelle und nicht mehr irgendwo auf der Straße zu sein. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes im Gesicht. Ich blicke hoch. Die Wellblechkonstruktion über mir sieht wenig vertrauenerweckend aus und, ja, tatsächlich, es tropft hindurch. „Das ist nicht gut“, murmelt mein Freund und auch ich beginne langsam meinen Optimismus zu verlieren. Autos ziehen teilnahmslos an uns vorbei. Mit jedem Scheinwerferpaar ein neuer Hoffnungsschimmer. Wir sprechen inzwischen alles an, was sich zwischen die Zapfsäulen verirrt, ohne Erfolg.
Plötzlich hält ein Wagen aus dem ein sehr dubios aussehender Mensch aussteigt. Ich schätze ihn auf Ende zwanzig, wohnhaft noch bei Mutti, fettige Haare, schlabbrige Jeans. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Play-Station“ und einem Pfeil nach unten. „Kein Sex, keine Freundin, dafür ein Terrabyte Pornos auf der Festplatte.“, schießt es mir durch den Kopf.
Mein Freund und ich tauschen gerade seufzende Blicke aus, als der Typ auf uns zu geht und uns anspricht. „Wo wollt ihr hin?“, fragt er. „Västervik“, antworte ich, „aber eigentlich ist es auch egal, Hauptsache in die nächste Stadt, Hauptsache eine Unterkunft“. Er nickt. Er fahre nach Kalmar, sagt er, und bietet uns an, uns mitzunehmen. Unter normalen Umständen hätte ich höflich abgelehnt, aber in dem Moment überkam mich nur noch tiefste Dankbarkeit darüber, hier endlich wegzukommen und schlussendlich stiegen wir mit einem mulmigen Gefühl im Magen ein.
Der Herr entpuppt sich tatsächlich als Ende zwanzig, aber berufstätig und deshalb geschäftlich unterwegs auf der Strecke. Im Auto führen wir eine anregende Diskussion und die Fahrt bis nach Kalmar vergeht unglaublich schnell. Er setzt uns am Bahnhof ab, erklärt uns, wo ein Informationsstand sei, an dem wir uns eine Karte besorgen können und weist uns den Weg in die Innenstadt, wo wir sicherlich ein günstiges Hostel finden. Zum Schluss drückt er uns noch 500 Schwedische Kronen in die Hand – umgerechnet etwa 70 Euro. „Wow, danke, das ist ja voll nett!“, stammele ich überfordert, er winkt ab, grüßt und fährt. Ich bin schockiert, aber glücklich. Mein Freund schaut fassungslos drein. „Kleider machen doch keine Leute“, denke ich. Wir ziehen los. Nach wenigen Schritten begegnet uns jemand, der fragt, ob wir eine Unterkunft für die Nacht brauchen und erkundigt sich nach unseren Reisemotiven. „Wir fahren per Anhalter um die Ostsee, wir kommen aus Deutschland“, referiere ich. Der Mann ist begeistert. „Normalerweise bin ich sehr aktiv in der Couchsurfing-Community. Heute habe ich leider keiner Zeit – aber wenn ihr etwas braucht, oder länger bleibt, oder wiederkommt, oder nichts findet, hier ist meine Nummer!“, sagt er und drückt mir ein bekritzeltes Stück Papier in die Hand. „So viel Nettigkeit an einem Tag bin ich gar nicht mehr gewohnt“, sagt meine Reisebegleitung und ich kann nur verwirrt nicken. „Ich hab nicht viel erwartet von dieser Reise. Ich wollte ein bisschen rumfahren, Spaß haben, die Welt entdecken, aber ich war der festen Überzeugung, dass wir nach zwei Tagen schon wieder Zuhause sein werden, weil nichts funktioniert. Jetzt hat die zweite Woche angefangen und ich habe zwar schon einmal auf einer Bank im Bahnhof übernachten müssen, aber ich habe auch gelernt, dass man immer irgendwie an sein Ziel kommt.“
Wie im Film beginnt der Regen sich zu lichten. Wir machen uns auf den Weg, ein Nachtlager zu finden. Auf der Karte sind wir heute nur 100km weit gekommen. Aber im Kopf hat sich ein Schalter umgelegt. Ich fange an, dieses Unternehmen zu lieben.

Miscellaneous

Was bleibt?
Was bleibt ist immer dieser fade Beigeschmack von Enttäuschung, der genau derselbe ist, wie der leckeren Essens, das man in der Mikrowelle wieder aufgewärmt hat.
Was bleibt ist dieses matte Gefühl, dass sich im Kopf festsetzt, nachdem man festgestellt hat, dass man alles, was man nie vergessen wollte, am Ende doch vergessen hat.
Und die Erkenntnis, dass eben nichts für immer ist – und dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann.
Was bleibt ist das schlechte Gewissen am Morgen danach.
Danach ist: alles, was man doch nicht machen kann, aber doch macht.
Danach ist: der Kater von zu viel Wodka, der Knutschfleck am Hals vom Expartner.
Danach ist aber auch: das glorreiche Triumphgefühl, nachdem man sich dazu überwunden hat, Sport zu machen. Und diese wohlige Wärme die einsetzt, wenn man feststellt, dass man zurückgeliebt wird.
Was bleibt ist der Augenblick der Leere, wenn ich ein Buch zu Ende gelesen habe und es sich anfühlt, als hätte ich meinen besten Freund verloren.
Und bleiben tun klebrige Gedanken, was wäre wenn, warum und wie?

Was bleibt, ist der Wunsch nach Veränderung.

Es war einmal..

Es war einmal ein Mädchen, das von einem Festival nach Hause fuhr. Dieses Mädchen – war ich.

Ich sitze in der Bahn und warte darauf, dass sie losfährt. Kopf an der Scheibe, Gedanken überall und nirgendwo. Ich hatte einen freien Viererplatz ganz für mich allein ergattert. Neben mir: lärmende Punks. Sachsen. Ouch.
Abfahrt in einer Minute. Plötzlich wird der Platz vor mir von einem neuen Mitfahrer okkupiert. Die Bahn fährt los. Eine Schaffnerin kommt.

„Guten Morgen!“, trällert sie fröhlich. Ich grunze. Wir zeigen unsere Tickets. Der Typ vor mir grinst mich an: „Na – etwa kein guter Morgen für dich?“
Ich denke Folgendes, alles ungefähr gleichzeitig: „Ist er heiß? Warum trägt er Flip-Flops? Sieht er nett aus? Wäre er etwas für dich? Oh Gott, du musst dringend mit solchen Gedanken aufhören!“ Und dann: „Verdammt. Du hast seit Donnerstag nicht geduscht. Heute ist Sonntag. Du schläfst und tanzt und feierst seit drei Tagen in den gleichen Klamotten. Der arme Kerl.“

Ich antworte: „Hmm. Festival.“ Wir kommen ins Gespräch. Er sei bei einer Freundin zu Besuch gewesen, sie waren feiern und er heute verkatert. Sein Lösungsvorschlag: Konterbier. „Oder ein Eiskaffee, bei dem Wetter. Mit Bailey’s. Oh Gott – lecker.“, sage ich. Er stimmt zu.
Es ist heiß.
Für den späteren Abend verabreden wir uns auf einen Eiskaffee. Er gibt mir seine Nummer. Der Zug hält, wir verabschieden uns und gehen in verschiedene Richtungen davon.

Ich bin aufgeregt. Nicht ein einziges Mal kam mir der Gedanke, er könne zu unserem Treffen nicht erscheinen, was untypisch ist für mich: normalerweise habe ich für alles einen Plan B, vor allem, wenn mein Plan A andere Menschen miteinbezieht. Dieses Mal nicht.

Ich wurde auch nicht enttäuscht: er kam.
Seitdem sehen wir uns regelmäßig. Wir telefonieren. Wir halten Händchen. Wir küssen uns.
Wir haben uns in der Bahn kennengelernt, und wir lieben uns.
Es ist alles einfach – zwischen mir und dem Typen aus der Bahn.