Gedankenschleifen

Es ist schon seltsam, wie kleine Dinge einen manchmal in scheinbar bodenlose Gedankenschleifen werfen können. Gerade gestern noch habe ich geschrieben, dass es mir gut geht, im Moment. Das stimmt auch größtenteils, aber natürlich gibt es zwischendurch immer diese Augenblicke, so wie jetzt.

Und ich möchte dich gerade in den Arm nehmen und dir sagen, wie dankbar ich für dich bin. Nicht nur dafür, dass du für mich da bist. Sondern auch dafür, dass du mir nicht das Gefühl gibst, mich aushalten zu müssen. Dass du mir nicht zeigst, wie schwierig ich bin, dass du mich nicht einmal für besonders schwierig hältst.

Berlin, dunkel. Die billige Leuchtreklame des Hotels gegenüber kreiert zusammen mit dem grell knisternden Weiß der Straßenlaterne ein Feuerwerk in meinem Zimmer. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich immer noch ein paar rote Blätter erkennen, die matt im Licht schimmern. Es ist kalt geworden, aber der Herbst ist noch nicht vorbei. Noch erinnern die warmen Farben schwach an sonnige Tage. Ich sitze im Bett und höre meinen Nachbarn dabei zu, wie sie laut durch ihre Wohnungen schlurfen. Eine Tür knarrt. Wasser rauscht durch die Heizungsrohre. Irgendwo spielt jemand Techno. In Berlin spielt immer irgendjemand irgendwo Techno. Mir ist nach Abenteuern zumute, nach Erlebnissen, Aufregung. Nach flüchtigen Bekanntschaften und hastig bereuten Fehlern. Nach Straßenschildern für die WG-Küche klauen und Verkehrsberuhigung für den Kiez. Ich möchte mit fingierten Bars kostenlosen Wein abstauben und obdachlose Saxofonisten auf Hausparties einschleusen. Will, dass meine Mitbewohnerin nachts um 3 nach Hause kommt und als erstes die Glühbirne wechselt. Sehne mich danach, mit Straßenmusik 50 Cent zu verdienen und diese kurz darauf beim Kokstaxi auszugeben, um die ganze Nacht gitarrespielend in Neukölln auf dem Balkon zu sitzen. Vermisse es, Baugerüste zu erklimmen und ruinöse Häuser und verlassene Fabriken zu durchstöbern. Ich kann mir nicht vorwerfen, nicht genug erlebt zu haben, aber jetzt sitze ich hier und lausche meinen Nachbarn und denke. Und denke. Und denke.

:)

Ich fragte mich gerade: wie fange ich meinen nächsten Blogeintrag an? Und ich dachte: “Alles ist gut“. Ich weiß nicht, ob wirklich alles gut ist. Vielleicht schon. Ich warte auf mein Bafög, aber es ist bisher auch ohne seltsam okay. Heizkostenzuschuss sei dank. Darum mache ich mir gerade überraschend wenig Sorgen.

Ich wünschte, die Leichtigkeit, mit der ich diese Zeilen tippe, würde sich auf die Arbeit an meiner Masterarbeit übertragen. Aber man kann nicht alles haben. Es geht voran, ein bisschen, denke ich.

“Aber schon normale Croissants, oder?“, sagst du. Wir machen ein Croissant-Tasting. Drei verschiedene Läden mit drei verschiedenen Croissants. Ich weiß nicht, warum, aber es ist wieder einer dieser Momente, in denen ich mir denke: :). Wir sitzen am Tisch und platzieren je eine Croissanthälfte auf den jeweiligen Tüten und die andere Croissanthälfte, spiegelgleich, damit wir sie nicht verwechseln, auf meinem Teller. Mit halbseriöser Miene probieren wir uns durch die Berliner Croissantwelt. Welches Gebäck gewinnt, ist am Ende gar nicht mal so wichtig (gut, dass es das von nebenan ist). Was zählt, ist, dass wir unseren Alltag ständig mit kleinen Dingen verschönern. Wir brauchen keinen Grund, um uns zu sehen, aber finden trotzdem immer einen, um unsere Treffen besonders zu machen.

I‘m so in love with all these little things you do. Collect sea shells, steal pine cones, jump in front of a broken seismograph, help me climb up a rock, go on an ice cream tour, discuss how to steal 100,000 geese, hold me real tight sometimes. I really wish I could tell you, maybe. It‘s been 10 months and I still get giddy when I‘m around you.

Bald ist Halloween, also wollten wir einen Kürbis schnitzen. Wir wollten einen Kürbis schnitzen, weil ich breit im Supermarkt einen Karton voller Riesenkürbisse gesehen habe und dir ganz aufgeregt ein Bild geschickt habe. Wir wollten auch ins Museum gehen. “Wir können uns ja dort inspirieren lassen, ich finde, ein expressionistischer Kürbis hätte auch etwas“, sagst du. Und ich denke wieder: :). Also überlegen wir uns angestrengt, wie ein expressionistischer Kürbis aussehen könnte, und entscheiden uns hinterher aus Mangel an Talent für ein einfacheres Motiv.

Nach dem Museum und zwei Glas Wein kommen wir nach Hause, draußen ist es dunkel. Wir stehen in der Küche, “Willst du noch was trinken?“, nicken, unsere Blicke fallen zeitgleich auf den Kürbis. “Was machst du morgen?“, frage ich, du lachst und sagst “Ich sehe, wir verstehen uns“. Und ich denke wieder: :).

Auf Usedom

Im Urlaub – so richtig, ganz entspannt, zu zweit, in einer Ferienwohnung, mit so etwas wie einem Plan, irgendwie erwachsen. Irgendwie fühlt es sich gut an. Ich sitze im Bett und schreibe an der Abschlussbroschüre für mein Projekt, R. sitzt am Tisch und feilt an seinem Projektbericht. Stille, Tippen, zwischendurch eine Frage nach Synonymen oder ein verzweifeltes Seufzen. Co-working oder so.

Heute war schön, es gab viele Gefühle. So viele Gefühle, dass ich eben beim Abendbrot kurz durchatmen musste, Pause machen musste, meine Mimik entzerren musste. Den ganzen Tag mit einem anderen Menschen verbringen heißt auch, den ganzen Tag sein Gesicht aufzuhaben.

Nur du und ich und niemand sonst in dem ganzen sumpfigen Vogelreservat. Es flattert und zwitschert um uns herum, in der Ferne fahren Schiffe auf der Swine. Wir stehen auf einem verlassenen Aussichtsturm und schauen uns die leere Landschaft an. Du nimmst mich in den Arm, schaust mich an, ich denke: ich liebe dich. Ich küsse dich oder du küsst mich, ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, ein bisschen zumindest, du lachst, ich lache und denke: ich liebe dich. Du schließt deine Augen und legst deine Stirn auf meine Stirn und nimmst mein Gesicht in deine Hände, ich drücke dich etwas fester und denke: ich liebe dich. Sag ich es dir oder sag ich es dir nicht? Ich will den Moment nicht ruinieren, indem ich dir Angst mache. Stattdessen sage ich: Schön mit dir hier. Du reagierst nicht. Was sagt man dann?

Morgen ist noch ein Tag und dann müssen wir schon wieder los. Wir haben noch nie so viel Zeit miteinander verbracht und ich bin fasziniert davon, wie harmonisch es läuft.

Ich rede ein bisschen über Menstruation und die Angst, schwanger zu werden, du wechselst schnell das Thema. Wir müssen auch über solche Dinge reden, wir müssen überhaupt über solche Dinge reden, wir müssen viel mehr reden. Aber es ist so schön und ich fühl mich so wohl und ich bin so glücklich und zufrieden und ich will einfach nur, dass alles für immer so bleibt und nicht anders.

Es ist manchmal echt schwer, alles immer verbalisieren zu wollen – manchmal ist es vielleicht einfach unnötig. Aber ich würde mich trotzdem besser fühlen.

Jetzt oder nie

Wir fahren am Wochenende nach Usedom. Ich bin aufgeregt. Eigentlich bin ich schon aufgeregt, seitdem wir das beschlossen haben, aber ich habe es vor mir selbst natürlich erst nicht zugegeben. Aber jetzt kann ich das Gefühl nicht mehr ignorieren.

Wir fahren also in den Urlaub, zu zweit, und ich kann mir keinen Grund vorstellen, warum es nicht wunderschön werden sollte und das macht mir Angst. Es soll regnen. Ich denke: gut, dann bleiben wir zwei Tage lang im Bett. Wir sind zusammen. Sogar darauf würde ich mich freuen. I am setting myself up for disappointment.

Er hat mir eine Postkarte geschrieben, in der er sagt, dass er sich darauf freut, wenn wir uns bald wiedersehen. Er sagt nicht: können.

Ich rufe ihn betrunken vom Festival an. Ich sage: ”Irgendwann wird sich unsere Kommunikation schon einpendeln!” er sagt: ”Das ist alternativlos”. Natürlich ist es nicht alternativlos, denke ich, wir können uns auch trennen. Das scheint ihm nicht einzufallen oder es scheint keine Option zu sein. Er ist sich der Zukunft so sicher – wir werden uns sehen, wir werden unsere Kommunikation verbessern – dass ihm unliebsamere Szenarien gar nicht in den Kopf kommen.

I want to tell you that I love you but I don’t know how.

Und ich freue mich immer noch darauf, dich besser kennenzulernen, freue mich vielleicht auch deswegen so auf den Urlaub, weil wir endlich mehr Zeit zusammen haben werden. Ich freue mich darauf, gemütlich mit dir zu werden, freue mich darauf, wenn die Aufregung weg ist und die Zuneigung, Sicherheit, Comfort bleibt. Freue mich, neben dir zu schweigen und deine Anwesenheit zu genießen, ohne das Gefühl zu haben, das meiste daraus machen zu müssen.

Verträumt

Ich habe heute etwas Seltsames geträumt. Es war von vornherein in Englisch, was mich eigentlich hätte stutzig machen sollen.

Also. Ich habe geträumt, R. und ich lägen im Bett. Plötzlich setzte er sich auf und sagt ”I love you”, er hat das noch nie gesagt, er hätte auch keinen Grund, das auf Englisch zu sagen, also war ich aufgeregt, aber nicht misstrauisch. Ich vergrabe meinen Kopf in seinem Bauch, lache und sage ”I love you too”. Dann verwandelte sich R. auf einmal in D., aber es schien mir so normal zu sein. Ich war schließlich an ihn gewöhnt. Und ich dachte: oh nein, ich wollte das doch eigentlich nicht mehr. Wie bin ich nur hier wieder gelandet? Es fühlte sich so an, wie aus einem Traum aufzuwachen – nur eben im Traum. Hatte ich das Alles nicht längst hinter mir gelassen? Ein bisschen hatte ich sogar Angst. Oh nein, dachte ich. Nicht schon wieder. Irgendwann hat mich dann schließlich die Realität wieder eingefangen und ich konnte D. wieder hinter mir lassen. Dann bin ich aufgewacht. Neben R., natürlich.

Ich schau dich an, du schaust zurück, und wir liegen nur so da, schauen einfach, reden nicht. Schließlich frage ich ”Was denkst du?” und du lächelst und sagst ”Dass ich gerade sehr zufrieden bin, hier zu sein und nicht irgendwo anders.” Ich lächle zurück und sage ”Ich bin auch sehr zufrieden, dass du hier bist.” Wie schön du bist, denke ich. Meine Augen wandern über die Karte deiner Haut, und jede Imperfektion macht dich noch schöner.

”Manchmal habe ich das Gefühl, ich falle mit den Gedanken von einer Kante und komme nicht mehr hoch.” ”Was würde dir denn dabei helfen, wieder hoch zu kommen?” ”Ich weiß nicht. Ich glaube, das hat mich noch nie jemand gefragt. Essen, vielleicht. Essen hilft immer.” ”Und dann musst du dir trotzdem einen Wecker stellen, um das Essen nicht zu vergessen?” ”Na ja, nur, weil es hilft, heißt das nicht, dass ich es auch schaffe, das zu tun.” ”Hm.” ”Was überlegst du?” ”Was es für Soulfood gibt, das wir in deinem Tiefkühler lagern können. Bolognese könnte ich machen.”

That you listen to me without judging, without pitying or not believing me is probably my favorite thing about you. That you’re still happy to see me even if I barely spoke to you all day because I was in a mood and trying to figure out what’s wrong.

Es ist spannend, zu beobachten, wie sehr ich versuche, Streit zu vermeiden und stattdessen mehr nachzudenken, wie ich klar kommunizieren kann, was mein Problem ist. Mir war klar, dass ich nicht unglücklich bin, weil du mich nicht zu deiner Party eingeladen hast, aber normalerweise hätte ich mich trotzdem erst aufgeregt und dann später herausgefunden, was mich eigentlich stört. Mit dir ist das anders. Ich hoffe, das bleibt so.

Titel hier eingeben

Ich vergesse manchmal, wie gut Yoga tut – auch mental. Das klingt vielleicht esoterisch – das kann man bei Yoga nie so ganz vermeiden – aber die Konzentration auf die Übungen, meinen Atem, das Ziehen in meinen Bändern hilft, mich zurück in den Moment zu finden. Also habe ich danach heute beschlossen: ich werde jetzt gesund. Ich habe mein Bett bezogen, Bär und Peng gesäubert (soweit man die beiden überhaupt noch säubern kann), eine Wäsche angeschmissen, ein bisschen aufgeräumt. Ich müsste dringend auch die Wohnung putzen – das stand letzte Woche an und ist natürlich liegen geblieben. Aber jetzt muss ich doch erst einmal Pause machen.

Ich bin überrascht davon, wie gut ich die Einsamkeit in den ersten Tagen doch weggesteckt habe. Gut, Freitag hatte ich einen kleinen Oh, fuck. Oh, fuck.-Moment. Aber Samstag und Sonntag waren okay und das, obwohl ich so viel verpasst habe dieses Wochenende (unter Anderem das My Chemical Romance Konzert, auf das ich mich seit zwei Jahren gefreut hatte. Na ja.). Montag ging es dann physisch bergauf und mental rapide bergab, aber mit R. zu reden hat irgendwie geholfen. Er hat nicht mal groß Dinge gesagt oder getan, die ich als besonders unterstützend empfunden hätte. Aber er hat immer diese beruhigende Wirkung auf mich, selbst, wenn er gar nicht da ist. Sehr seltsam. Er ruft mich gerade jeden Tag an, um zu schauen, wie es mir geht. Und ich freue mich da sehr drüber, obwohl ich gleichzeitig denke: wirklich? Sollte das nicht selbstverständlich sein? Ihr seid doch jetzt schließlich zusammen.

Aber lieber nicht zu viel erwarten.

Das ist überhaupt auch so seltsam: seit unserem Gespräch am Mittwoch, an dem wir das beschlossen hatten (mit Logik, genau), habe ich ihn nicht mehr gesehen. Deswegen fühlt es sich auch noch nicht so ganz real an. Wahrscheinlich muss man sich daran auch erst einmal wieder gewöhnen.

Ich habe letztens einen interessanten Vergleich gelesen. Obwohl, ich weiß nicht, ob es wirklich ein Vergleich war, aber es erinnerte mich daran — emotional permanence. Hab ich nicht, glaube ich. Wie Babies, die nicht verstehen, dass ein Objekt noch da ist, nur weil etwas davor geschoben wurde — kann ich mir nicht vorstellen, dass Gefühle noch da sind, wenn ich sie nicht wahrnehme. You said you loved me yesterday, but that doesn’t mean you love me today, even though nothing has changed. In a similar vein: I cannot imagine this empty feeling of helplessness to ever end, although I’ve felt it before and it has ended before. Die Frage ist: hält die Theorie mit positiven Gefühlen? Sometimes when I’m on a high I think that’s it, I’m gonna turn my life around, everything will be way more organized from now on. Also: I cannot imagine ever not liking you. Vielleicht also schon.

Meine Schwester wollte tatsächlich mit mir Wandern gehen am Wochenende. Sie, ich, L. Mini-Familienausflug. Schade, dass das jetzt wahrscheinlich nichts wird. Ich hatte mich darauf gefreut – es wäre schließlich auch das erste Mal gewesen. Mama kann ich morgen nicht abholen vom Bahnhof, R. sehe ich frühestens Ende nächster Woche irgendwann wieder.

Aber hey, meine Tomatenpflanze hat Blüten.

unwelt

zitronengeruch
kamillentee
ich bin seit vier tagen nicht aufgestanden
und ich habe es auch nicht mehr vor

buchstabensuppe
pestonudeln
ich versinke in plastikmüll
und getir-tüten

ich wandere:
vom bett (ein thron aus taschentüchern)
zum sofa (ein refugium aus kissen und decken)
von der küche (braun)
ins bad (rot/grau)

meine ausgaben für streamingdienste hätten sich verdreifacht
hätte ich keine freunde mit zwielichtigen moralvorstellungen

die krümel auf meinem couchtisch gehören inzwischen zum dekor
genau so wie das malbuch auf dem boden

eine welt eingerahmt in 17 wänden
plus balkon
auf dem eine tomatenpflanze stirbt
wie das in berlin eben so üblich ist

alltagsgegenstände vergraben wie sagenhafte schätze
brille
portemonnaie
schlüssel
habe ich lange nicht gesehen

die streben meines bettes erinnern mich an gitterstäbe
durch die ich in eine andere welt gucke
eine welt der stehenden

irgendwann wird mir ein fehlender streifen auf einer billigen plastikkassette erlauben, diese unwelt zu verlassen

bis dahin hilft nur gedichte schreiben

Rinse and Repeat

Ich hätte eigentlich zum Erasmus-Präsenztreffen gehen sollen, aber bin ich nicht. Stattdessen lag ich im Bett, habe ein Nickerchen gemacht, ein paar alte Notizen durchgelesen, die Seite des SZ-Magazins nach Artikeln ohne Paywall durchforstet (schwierig). Im Wechsel habe ich heute auf der Couch liegend Artikel für die Uni gelesen und ”geschlafen”, d.h. in unmöglicher Verrenkung meinen Arm über die Lehne gehängt, meinen Kopf auf meinen Arm gestützt und die Augen geschlossen. Rinse and repeat.

Wir waren gestern klettern, ich war sehr unerfolgreich, dafür habe ich jetzt einen riesigen Bluterguss am Bein. Ich habe also immerhin etwas mitgenommen.

Ich habe viel nachgedacht in letzter Zeit. Darüber, warum ich so Angst davor habe, über Dinge zu reden. Darüber, was die Ursachen hinter den Symptomen sind.

Wir stehen zu viert in der Küche. ”Heute ist mein erster Tag in Freiheit, nach der Quarantäne. Ich hatte letzte Woche Covid”, sagt R. ”Oh, ja, davon habe ich gehört. Geht es dir jetzt wieder besser?”, antwortet A. und ich zucke unweigerlich zusammen. Hat er das mitgekriegt? Ich habe über ihn geredet. Wenn alle weg sind, werden wir vier Stunden darüber streiten, ich werde irgendwann heulen und in ein Handtuch rotzen. Für eine Sekunde ziehen diese Szenen an mir vorbei: wir laufen durch die Küche, ich flüchte ins Schlafzimmer und verkrieche mich unter die Decke, du kommst vorbei, ich versuche über meine Gefühle zu reden, du wimmelst sie ab. Irgendwann bin ich so erschöpft, dass ich allem zustimme, du wirst versöhnlich, nimmst meine Hände, wir gehen schlafen, rinse and repeat. Das passiert natürlich alles nicht, denn D. ist nicht da und niemand sonst hält es für streitwürdig, wenn du anderen Leuten davon erzählst, dass jemand aus deinem engeren Umfeld krank ist. Trotzdem habe ich erst einmal instinktiv Angst.

Ich versuche, mir vorzustellen, wie wir über Gefühle reden und andere Dinge und es schnürt mir die Kehle zu. Ich will mich nicht streiten, will nicht an der Klippe der Existenzangst entlang spazieren. Ich bin wirklich glücklich so, wie es ist mit dir und ich möchte nicht, dass sich irgendetwas verändert, aber kann ich davon ausgehen, dass du das verstehst, selbst wenn ich über uns sprechen möchte?

Hallo, mein Name ist Sasha und ich weiß nicht ob du’s schon wusstest, aber ich bin hoffnungslos verliebt in dich. Ich genieße jeden Moment mit dir und ich will, dass das genau so bleibt. Ich möchte mit dir darüber reden können, wie es in meinem Kopf aussieht, manchmal, ohne, dass das an unserer Dynamik kratzt. Ich würde auch gerne wissen, was in deinem Kopf so vorgeht.

Ich hab noch nie jemanden lieber kennengelernt als dich.

Von Prozessen habe ich geredet und davon, dass man sie oft nicht mitbekommt, wenn man mittendrin ist, bis sie plötzlich irgendwie ”abgeschlossen” oder zumindest schon sehr weit fortgeschritten sind. Du hast gesagt, darüber möchtest du lieber nicht nachdenken. Wieso? Wovor hast du Angst? Geht dir immer noch alles zu schnell? Ich habe wirklich versucht, mich zurückzuhalten, aber ich weiß, ich bin nicht besonders gut darin. Na ja, unterm Strich habe ich eben doch immer noch Borderline.

Was bin ich für dich? Ich weiß, eigentlich ist die Frage nicht relevant, solange wir uns beide wohlfühlen. Aber wissen möchte ich es trotzdem, rein aus Neugierde. Ich hatte mir fest vorgenommen, mit dir zu reden am Dienstag, aber du wirktest so defensiv und erschreckt und am Ende war es doch einfacher, miteinander zu schlafen.

Das sind viel zu viele mentale Ressourcen, die dafür draufgehen, darüber nachzudenken, was du eigentlich von mir willst — anstatt mit dir zu reden.

Gefangen in den immer gleichen Mustern. Rinse and repeat.

Schokoladenseiten

Es ist elf Uhr abends, ich bringe dich zum U-Bahnhof. Wir waren mit den anderen noch in der Bar, aber du hast gesagt, du musst nach Hause, weil du früh aufstehen musst. Wir stehen vor dem U-Bahnhof und umarmen uns zum Abschied, meine Wange an deinem Hals, dafür muss ich mich ein bisschen strecken. Wir stehen eine Weile so da. Ich dachte, du willst gehen, aber du gehst nicht. Stattdessen reden wir einfach weiter. „Ich hab nachgedacht“, sagst du irgendwann. “Ach ja?“ “Ja. Ich hab gedacht, ich werde eh einen Tag in dieser Woche sehr früh aufstehen müssen. Und das ist ja egal, ob das heute ist oder morgen. Also kann ich auch heute noch mit zu dir kommen.“ Ich schmunzle. Eigentlich musst du gar nicht früh aufstehen, wenn du gar nicht bei mir schläfst. Du musst auch gar nicht bei mir schlafen, wenn du nicht möchtest. Aber anscheinend brauchtest du eine logische Rechtfertigung für deine Gefühle, also hast du dir ein Szenario konstruiert. Ich schmunzle, weil ich das so gut kenne. Du weißt das natürlich nicht und ich sage es dir nicht, ich sage nur “Na dann los, gehen wir“ und wir bewegen uns Richtung meine Wohnung.

Ich würde auch nie von dir erwarten, dass wir uns soundso oft sehen. Wir sind “immer noch“ kein Paar, es gibt keine “Regeln“. Trotzdem hast du mich heute nachdem du weggegangen bist gefragt, wie es mir geht und ich habe dir von meinen Regelschmerzen erzählt und du hast mir fünf Tafeln meiner Lieblingsschokolade geschickt. Und ich weiß nicht, warum, aber gerade die Tatsache, dass du mir fünf mal die gleiche Schokolade geschickt hast, anstatt dir zufällig irgendwelche Dinge zusammenzusuchen, die ich vielleicht mögen könnte, um auf den Mindestbetrag zu kommen, finde ich noch einmal extra endearing.

Ich weiß auch immer noch nicht, ob ich das wollen würde – dieses Offizielle. Ich habe gerade das Gefühl, ich bekomme die Vorteile einer Beziehung, ohne deren Verantwortung tragen zu müssen. Vielleicht ist das ein bisschen egoistisch. Vielleicht siehst du das alles auch ganz anders, wir reden ja nicht darüber. Ich habe Angst, das Thema anzuschneiden, weil ich eben nicht weiß, was ich will, weil ich nicht weiß, was ich sagen sollte, falls du mich fragst. Vielleicht habe ich Angst. Vielleicht bin ich noch nicht wieder bereit für Commitment. Oder vielleicht möchte ich gar kein Commitment. Weil ich nicht glaube, dass ich das geben kann, was man dazu braucht. Aber ich möchte für dich da sein. Ich möchte, dass du mit mir redest, wenn du etwas brauchst. Ich will dich nicht kaputtmachen.

Get over it

Es ist doch eigentlich alles in Ordnung. Klar, dass mein Laptop irreparabel kaputt ist, ist ein Minus, aber das stört mich tatsächlich nicht so wie es könnte – wohl ein Zeichen dafür, dass die Dinge gerade tatsächlich gar nicht mal so schlecht stehen. Trotzdem liege ich im Bett, starre an die Decke, aus dem Fenster, kann nicht aufstehen. Draußen scheint die Sonne, ich betrachte ihre Wanderung vom Sofa aus. Ich habe Zeit, ich könnte Schritt für Schritt an meinen Aufgaben arbeiten, ganz ohne Stress. Was ist mein Problem?

Pakistan hat mich, wenn ich ehrlich bin, wenig inspiriert. Ich habe überlegt, ob ich mich tätowieren lassen soll, wie ich das sonst so tue wenn ich länger weg bin – obwohl das letzte Mal nun auch erst knapp ein halbes Jahr her war – aber erst wusste ich nicht was und dann konnte ich es nicht so recht überzeugt vertreten. Ich bereue nicht, gegangen zu sein, es war schön – zum Großteil. Ich habe auf jeden Fall viele neue Einblicke in Dinge gewonnen. Aber es hat nichts in mir ausgelöst, ich habe mich viel allein gefühlt. Ich bin fasziniert von den engen Familienstrukturen des Landes und gleichzeitig dankbar darüber, dass ich diese Einschränkung nicht habe.

”I hope she can travel to all the places she wants to go.” ”Oh, sure she can. Her family’s hella rich.” ”Of course she’s got the means, but if her family doesn’t let her explore things on her own, go by herself, then that’s got nothing to do with her resources” ”Financially, that’s not a problem.” But it’s not about finances, is it? If she’s expected to marry and have children by a certain age and the alternative is to be shunned by her family, there’s no space for a young woman to travel around the world all on her lonesome. What’s more, even if she does it, she won’t be able to fit into these structures anymore. I may not have money, but at least I have this freedom. Dafür war ich dann doch dankbar. Klar, wenn ich irgendwo im Dschungel verloren gehe interessiert das hinterher niemanden, aber das ist okay, wenn ich dafür in den Dschungel kann.

Get up, get over it, your life is fine, you’re just lacking some basic chemicals in your brain.