Conchita Murks

Vielleicht bin ich damit inzwischen ein wenig spät dran, aber von den vielen aktuellen politischen Geschehnissen in letzter Zeit nervte mich vor allem eines: der ESC-Sieg der/des Conchita Wurst. Einwände könnten jetzt lauten: „Aber das ist doch so ein toller Schritt zur Integration und Gleichstellung sexuell ‚anders‘ orientierter!“ – dazu sage ich nur: einfach nein.

Und jetzt wappnet euch: ich finde diesen Sieg und die ganze Aufregung darum mindestens genauso lächerlich wie den Stolz auf seine arische Herkunft (ohh, böse, böse Nazivergleiche!). Nicht, dass man nicht generell auf solche Dinge stolz sein kann. Aber sich dafür so feiern zu lassen geht dann, finde ich, doch etwas zu weit.
Halten wir, jedoch, ganz einfach mal fest: es wäre ein weitaus größerer Schritt Richtung Akzeptanz getan worden, wenn er/sie eben nicht gewonnen und es den ganzen Medienkasper überhaupt nicht gegeben hätte. Dann wäre alles eben scheißegal gewesen und genau das sollte es sein: scheißegal. Was Schwule, Lesben, Transvestiten und alle anderen brauchen, ist keine besondere Aufmerksamkeit – sondern das Gegenteil. Denn erst, wenn wir aufhören, etwas „Außergewöhnliches“ als besonders toll und erstrebenswert zu stigmatisieren, können wir aufhören, es eben wegen seiner Besonderheiten zu kritisieren – denn es ist nicht besonders. Zumindest sollte es das nicht sein.
Es ist so normal wie kurze Röcke im Sommer. Auch bei Männern.

Das Leben der Anderen geht mich nichts an, sofern sie mich nicht in meiner persönliches Freiheit einschränken und dasselbe gilt auch für hochrangige Politiker und alle Übrigen auch. Es sollte keine Extragesetze für Extrawünsche geben, denn es gibt de facto keine Extrawünsche. Homo-, bi-trans, haste-nicht-gesehen-sexuelle sind, wie man so schön sagt, das Gleiche wie wir, in grün.
Also lasst doch die Menschen mal Menschen sein – und profitiert euch aus anderen Gründen.

Manfred&Ich

Seit kurzem habe ich ein neues Haustier. Es ist ein großer, grauer Elephant. Lieblingsplatz ist zweifelsfrei auf meiner Brust, und ich habe ihn immer bei mir.  Kritiker würden sagen „Das ist doch überhaupt nicht real!“, aber ich spüre ihn ganz deutlich, so deutlich, wie man einen Elephanten eben spüren kann. Wir haben uns miteinander arrangiert, Manfred und ich.  (Dinge werden für gewöhnlich leichter, wenn man ihnen einen Namen gibt. Noch bin ich davon nicht so ganz überzeugt, aber es schadet schließlich nicht, es einmal zu versuchen)

Unser Deal besteht darin, dass er mich die Dinge tun lässt, die man eben so tut, wenn man im Leben mehr oder weniger aktiv ist: Uni. Arbeit. Einkaufen. Waschen – sowas.  Im Gegenzug dazu lasse ich ihn eben da, wo er ist, wenn ich gerade sonst nichts tun muss.
Aber Manfred ist stur, manchmal bleibt er einfach trotzdem sitzen, obwohl ich ihn dann anflehe, von mir herunter zu gehen, damit ich aufstehen kann. Dann ist es wirklich schwer, mit ihm zu argumentieren und von alleine wegschieben kann ich ihn nicht.

Ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, was der Gute von mir will. Irgendwann stand er einfach ungefragt vor meiner Tür, groß und dickhäutig, wie Elephanten nun mal sind. Ich war erstmal sprachlos (wer wäre das nicht?) und Manfred nutzte den günstigen Moment, um sich an mir vorbei in die Wohnung zu quetschen. Er trötete einmal fröhlich, wie um zu sagen „hier bleibe ich!“ und machte es sich bequem. Anfangs saß er nur auf meinem Sofa, was mich schon ausreichend beunruhigte, aber mit der Zeit kam er immer näher, bis er schließlich seinen Platz auf meiner Brust fand.
Er äußert sich nicht großartig zu seinem Verhalten. Er ist einfach da.

Manchmal kann ich gar nicht an ihm vorbeiblicken, so dicht sitzt er vor meinem Gesicht. Einmal habe ich versucht, ein ernstes Wörtchen mit ihm zu reden: „Manfred“, sagte ich, „so geht das nicht. Du kannst nicht einfach so in mein Leben spazieren und dich auf mich draufsetzen. Sei bitte nicht beleidigt – das ist nichts Persönliches  – aber wie würdest du dich fühlen, wenn ich mich einfach auf dich draufsetzte?

Manfred trötete abfällig. „Was für ein lächerlicher Vergleich“, hieß das wahrscheinlich. Er reagierte, indem er seine Sitzmuskeln in eine bequemere Position brachte, zeigte sich von meiner Rede aber ansonsten unbeeindruckt.

„Nun – wenn du nicht gehst, dann gehe ich eben!“, rief ich. Ich erntete einen skeptischen Blick. Dann stand Manfred auf .. und ließ sich mit voller Wucht wieder auf mich fallen. Eine Woche konnte ich mich nicht bewegen.

Ich gab auf. Ich konnte nichts machen. Irgendwann hatte ich die Kraft dazu, unser kleines Arrangement auszuhandeln, und dabei blieb es.

Ich lebe mit Manfred. Es ist nicht leicht (nichts ist leicht, wenn ein mehrere Tonnen schwerer Dickhäuter auf dir sitzt), aber ich lebe. Vielleicht geht er wieder von alleine nach hause und wir können uns im Guten voneinander trennen, vielleicht aber auch nicht. Wer weiß das schon?

Solange er da ist, werde ich versuchen, damit klar zu kommen, und, wer weiß? Vielleicht kommt irgendwann jemand und hilft mir, ihn weg zu schieben. Bis dahin bleibt mir nicht viel anderes übrig, als mir Stück für Stück mehr Freiheiten auszuhandeln. Vielleicht können wir dann ja irgendwann glücklich miteinander werden, Manfred und ich.

#esdrehtsich

Und die Welt dreht sich – ich finde, sie dreht sich zu schnell.

Die Zeit verändert alle Dinge, wir überspringen Prozesse, Exzesse, alles verzerrt sich, neue Eindrücke umringen uns wie die Luft, die uns zum atmen gestohlen wird – alte Worte werden neue Worte werden alte Worte. Werden Luft. Werden Raum. Was passiert, wenn wir uns nicht mehr im Zaum halten können, es ist kaum zu glauben, ich komm nicht mehr mit, ich will abhauen – raus. Raus!
Wenn wir uns von allem lösen, ist es still. Ich habe Angst vor der Stille, sie schrillt in meinen Ohren, benebelt die Sinne, Panik wallt auf vor meiner eigenen Stimme, ich glaube, dafür sind wir nicht geschaffen. Ich glaube, dafür sind wir nicht gemacht – ich hab gedacht, – stop.

Deine Gedankenachterbahn macht eine Pause bevor sie in die Tiefe stürzt. Irgendwelche letzten Fragen? Dafür ist es jetzt zu spät. Ich kann dir garantieren, danach fühlst du dich befreit, danach fühlst du dich beschwingt, bist du bereit? Keine Zeit für mentalen Streik, wir tun, was wir müssen, wir fallen, lassen fallen, werden aufgefangen, fangen auf..

Du hast dich in deinem Kopf verlaufen, ich hab mich in meinem Kopf verlaufen, hab ich mich in deinen Kopf verlaufen? Du hast dich in meinen Kopf verlaufen, hast du dich auch in meinem Kopf verlaufen? Ich habe mich in deinem Kopf verlaufen.

Alles dreht sich, dreht sich, dreht sich, dreht sich.. – stop – dreht sich, dreht sich, dreht sich.. Die Uhr tickt, du kannst sie nicht aufhalten. Sie tickt jetzt, sie tickt heute, sie tickte gestern, sie wird morgen und für immer ticken. Tick tack.  Haltet die Welt an! Tick tack. Mentaler Totalcrash, du fährst deine Gedanken gegen eine Wand,  der Drang, das Gehirn aus deinem Kopf zu verbannen, zusammen ist man zu zweit allein. Ist man zu zweit allein oder ist man zu zweit allein? Tick tack.

Ist man allein zu zweit wenn man verliebt ist? Bist du in mich verliebt, bin ich in dich verliebt, dass du in mich verliebt bist, bist du in dich verliebt und ich in mich verliebt, dass du in mich verliebt bist? Ist Liebe Glück oder ist Glück Liebe oder ist Liebe nur Triebe, Hiebe, schiebe ich falsche Vorstellungen vor mir her so wie du auch? Oder ist Liebe Siege, so siebe ich die falschen Vorstellungen einfach raus? Ist Liebe wenn ich kriege was ich liebe, was ich giere, was ich brauch? Oder ist am Ende alles letztlich Schall und Rauch?

Du musst aussteigen, die Kirmes verlassen, verschwinden. Keine Achterbahn, keine Karusselle, es wird auf der Stelle ruhiger auf die Schnelle weniger grelle Farben blenden deine Sicht. Plötzlich klares Blickfeld, zum ersten Mal klare Linien und auf einmal Horizont.

Es hat Sinn. Du hast festen Boden unter deinen Füßen, nichts ist mehr unklar, unnah, drunter, drüber, fester Blick, entschlossener Schritt, um dich herum dreht sich alles, aber du bist sicher.

#Titellos

Weil, eigentlich soll das irgendwann noch weitergehen. Aber vielleicht ist es dafür doch schon zu persönlich geworden.

#1_________________________________________________________

An besonders einsamen Tagen sitze ich in meinem Bett in Berlin und starre auf die Kondensstreifen, die die Flugzeuge am Himmel hinterlassen.
„Weg, weg, weg!“, flüstere ich und kneife dabei die Augen zu. Als würde das etwas bringen.
Wenn ich ehrlich bin, ist jeder Tag ein besonders einsamer Tag. Man stelle sich nur dieses Bild vor: eine etwas zu groß geratene 18-jährige sitzt in ihrem dunklen Zimmer und starrt und wünscht und weint wie ein kleines Mädchen.
Nun, wenn einem alles genommen wird, dann bleibt einem auch nicht mehr viel. Irgendwann endet man so, man wird nicht so geboren, man wird einfach in dieses Leben hineingeschubst, ohne, dass man etwas dagegen tun könnte, und dann rutscht man. Wenn jemand rutscht, dann denkt man immer, dass sich schon irgendetwas zum bremsen finden wird, wenn man nur gut genug danach sucht, aber dem ist nicht so. Ich habe es gesehen. Wenn du erst mal anfängst zu rutschen, hält nichts dich auf, außer dem Baum, gegen den du knallst.
Ich versuche diesen Gedanken fortzuscheuchen. Einfach ist das nicht. Mein Blick wandert wieder zum Himmel, der langsam zu verblassen droht. Ich hasse die Dämmerung, es ist die traurigste Stunde des Tages und Traurigkeit besitze ich selbst zur genüge. Ich verstehe nicht, wie man es mögen kann, dieses Biest, das dir die Helligkeit nur noch vorgaukelt, obwohl es schon längst dabei ist, die letzten Tropfen Tageslicht aufzusaugen und die Welt mit ihrem Mantel aus Nacht und Dunkelheit zu erdrücken. Nicht, dass ich Angst hätte vor der Schwärze. Ich habe auch keine Angst vor den Gestalten, die die Nacht hervorbringt. Wovor ich mich fürchte, ist die Schwärze in mir drin, doch die ist immer da, unabhängig von der Tageszeit, und da kann niemand etwas dran ändern.
Mein Therapeut sagt, in mir kämpfen die guten gegen die bösen Kräfte und ich finde, das klingt, wie aus einem schlechten Buch geklaut. Mein Therapeut sagt auch, Suizid während der Therapie sei verboten. Ich habe ihm vorsichtshalber nicht erzählt, dass ich gedacht habe, dass mir das doch egal sein könne, wenn ich schon tot sei. Ehrlich gesagt bin ich auch nicht ganz sicher, inwiefern er das ernst meinte.

„Es ist alles in deinem Kopf“, sage ich mir. „Die guten wie die schlechten Dinge. Du kannst sie hervorrufen, wenn du willst. Du musst nur deine Augen schließen und ein bisschen träumen.“ Ja, tatsächlich, die war noch mit mir, meine Fantasie. Man kann jemanden so weit brechen, dass er keine Fantasie mehr besitzt. Mit mir ist das zum Glück noch nicht geschehen und so habe ich wenigstens etwas, das mich ablenkt, auch ohne die Hilfe von kleinen Glückstütchen.
„Bitte, bitte, liebes Hirn“ – ich versuche es sanft zu stimmen, denn es entführt mich nur allzu leicht in eher düstere Welten – „schick mich zurück nach Malmö!“

Ich versuchte, mich im Schlaf umzudrehen, aber das gestaltete sich als unaussprechlich schwierig. Mike und ich hatten, intelligent, wie wir nun mal waren, unser Zelt an einem Hang aufgebaut, in Folge dessen ich schräg lag. „Macht nichts“, dachte ich, „wenn du gleich wieder einschläfst, ist dir das egal.“ Ich dachte auch, dass mir ein bisschen kalt war, weswegen ich versuchte, mich näher an meinen Freund zu kuscheln.
Ich rutschte ein Stück nach unten, robbte wieder hoch, wiederholte mein Vorhaben, rutschte wieder runter und beließ es bei diesem Versuch. Was auch nicht weiter schlimm war, denn obwohl ich fror und doch sehr ungemütlich lag, war ich so müde, dass ich direkt wieder einschlief.
Als ich das nächste Mal aufwachte, tat ich es davon, dass ich schwitzte. Wie üblich in Zelten, in der Nacht ist es eiskalt, aber sobald die Sonne ihre Fühler ausstreckt, wirst du gekocht. Mike schien es nicht anders zu ergehen, denn er schaute ganz unglücklich drein und als ich sah, dass das Zelt inzwischen von einigen krabbelnden und fliegenden Mitbewohnern unserer Erde in Beschlag genommen wurde, stürmte ich ins Freie. Wir räumten unsere Behausung aus, taten unser Möglichstes, deren neue Bewohner zu verscheuchen und packten alles wieder zusammen. Dann setzten wir uns auf einen der Stege, die hier so zahlreich in die Ostsee ragten, schauten uns die Brücke nach Dänemark an, die Sonne, das Meer und die Menschen, die so verrückt waren, um sieben Uhr morgens ins kalte Wasser zu steigen.  Denn das war das Beste an unserem Schlafplatz: dass wir hinter einem Hügel auf einer Wiese gezeltet hatten, die sich am Ufer entlang ausbreitete.
„Ich glaube, ich will ein bisschen spazieren gehen. Ich bringe Kaffee mit, okay? Bin gleich wieder da!“, sagte ich zu Mike, der gerade noch dabei war, seine Scheibe köstlichstes dänisches Brot in wesentlich weniger köstlichen dänischen Frischkäse zu tunken. Er nickte nur. Was hätte er auch anderes tun sollen?  Schließlich war sein Mund voll Gebäck.
Ach ja.. diesen Teil der Geschichte hatte ich vergessen. „Halt, Hirn! Aufhören! Ich will nicht Kaffee holen gehen. Ich weiß, wie das endet: auf dem Rückweg verlaufe ich mich, weil ich denke, ich bin cool und ich will nicht den selben Weg gehen, den ich gekommen bin, ich will lieber am Wasser entlang gehen. Ich werde drei Stunden brauchen, bis ich wieder da bin und dabei mehr als einmal verzweifelt auf irgendeiner Halbinsel hocken, weil Malmö nur eine einzige Brücke hat. Ich werde hundertmal versuchen, Mike anzurufen und er wird nicht drangehen und ich werde heulen und mit dem Gedanken spielen, mich ins Wasser zu werfen und zu schwimmen. Also stopp! Darauf kann ich verzichten, okay?“
Aber das Hirn hört nur selten auf einen, wenn man auf es einredet, und deswegen ging ich natürlich Kaffee holen. Ich tat es nicht mal widerstrebend, ich tat es einfach, ich tat es, weil ich es tun musste, weil ich wusste, dass die Geschichte so weitergeht und ich erlebte all die Verzweiflung noch einmal.

Ich wache wieder auf und bin erst mal sauer. „So habe ich mir das nicht vorgestellt, du dumme Denkmaschine! Ich sagte, Ablenkung. Ich sagte, schön! Realitätsflucht, okay? Was bringt es mir, wenn ich von einer miesen Realität in einen noch mieseren Traum fliehe, hm? Was kannst du eigentlich?“
Es ist ziemlich müßig mit seinem eigenen Gehirn über dessen Funktionsweise zu diskutieren. Meistens verliert man, was auf der Hand liegt. Aber gerade ist mir das egal. Ich rede oft mit meinem Gehirn. Ich rede auch oft mit anderen Dingen. Menschen, die mich dabei beobachten, finden das komisch. Ich finde es komisch, dass mich Menschen dabei beobachten.
Ich fühle mich ein bisschen hilflos. Nachdenklich starre ich auf mein Handy. Soll ich, soll ich nicht? Ein Anruf, dann ein bisschen künstlicher Spaß und ein geruhsamer Schlaf. Eigentlich alles, was ich brauche. „Nein!“, sage ich mir, „Du bist stark! Du kannst das auch allein! Mit einer Menge Fantasie“ – vor meinen Augen sehe ich eine Kiste und einen Regenbogen – „ist alles möglich! Also gut, Hirn. Ich gebe dir eine zweite Chance. Großzügig von mir, nicht wahr? Und das, obwohl du mich so oft enttäuschst.“ Als ob ich eine andere Wahl hätte, füge ich in Gedanken hinzu. Aber nur in Gedanken, ich will ja nicht, dass Hirn hinterher wieder beleidigt ist. Nur, wo will ich diesmal hin? Was will ich sehen? Etwas Neues? Etwas Bekanntes? Etwas Ruhiges? Oder etwas Abenteuerliches? Nein, nichts Abenteuerliches, meine Abenteuer enden meistens ziemlich mies. Sie geben gute Geschichten ab, so wie alles, was mies endet, aber es ist nichts, was man unbedingt erneut erleben möchte. So wie das eine Mal, als ich an einer Felswand hing, auf einem Berg  in einigen hundert Metern Höhe, ungesichert, und unter mir ging es fast senkrecht in die Tiefe. Eine gute Geschichte, aber nichts, was ich unbedingt wiederholen möchte.
Meine Gedanken dümpeln so ein bisschen vor sich hin, bis mir einfällt, was ich will. Ja, wahrlich, das ist eine gute Idee.
Wieder schließe ich meine Augen und lasse mich von den Erinnerungen davon tragen.

„This one, size M, please.“, „Okay. Here’s your change.”, “Thank you!”. Beglückt schaue ich meine Neuerwerbung an: ein Tourshirt, Papa Roach, 2009, momentaner Standort: Berlin, Huxley’s neue Welt. Es war ein mühsamer Tag gewesen. Meine Freundin Renee und ich hatten uns früh aus dem Bett quälen müssen, weil Andreas, dessen klägliche Rolle in meinem Leben besser unbeachtet bleibt, zur Eile drängte. Ich hatte meine Haare frisch gefärbt, war beschwingt davon, einen Toilettendeckel kaputt gemacht zu haben dabei und davon, einen guten Freund wiedergesehen zu haben. Ja, dieses Wochenende war wirklich auf einem guten Wege. Und heute war endlich der Tag, auf den ich die ganze Zeit gewartet hatte. Das Konzert einer meiner Lieblingsbands, das zweite insgesamt, das ich überhaupt je besucht hatte. Ich war aufgeregt, natürlich. Vielleicht waren wir auch deswegen viel zu früh in Berlin, und es war nicht nur Sonntag, sondern auch noch Tag der deutschen Einheit, also hatten sämtliche Geschäfte gleich zwei Gründe, um geschlossen zu haben. So saßen wir also stundenlang vor dem Eingang der Konzerthalle. Was sich als äußerst positive Fügung des Schicksals erwies, denn plötzlich strömte ein Pulk von ungefähr fünf Menschen auf eine Stelle ein paar Meter hinter uns zu. „Da ist irgendwer famous. Da müssen wir hin!“, rief Renee aus und war schon auf den Beinen. Ich trottete hinterher. Und stellte fest, dass die Helden, wegen derer wir die lange Fahrt auf uns genommen hatten, plötzlich auf dem Parkplatz standen, Autogramme verteilten, Fotos mit sich machen ließen und Fans kuschelten. Dorthin schweiften meine Gedanken gerade ab, als ich das T-Shirt in Händen hielt, als mich eine Stimme rief. Ich ging auf sie zu und plötzlich stand neben mir jemand Fremdes. Und es war der wunderschönste Fremde, den ich je gesehen hatte. „Wow“, dachte ich, „den willst du. Du wirst ihn nie wieder sehen, aber den willst du.“ „Hast du mich gerade gerufen?“ „Nein, wieso?“ „Jemand hat gerade meinen Namen gerufen.“ „Ich wurde gerufen.“ „Bist du sicher?“ „Ja, hier. Das ist meine Freundin. Sie rief mich.“ „Aber ich heiße auch so.“ „Nein, ich heiße so.“ „Nein, ich!“ Wie lustig. Wie herzergreifend lustig. Da fährt man zu einem Konzert, hunderte Kilometer weit weg von Zuhause, man bewegt sich ein bisschen, geht verloren, wird gesucht und trifft dadurch jemanden, der genauso heißt, wie man selbst. Oh, hätte ich gewusst, wie diese Begegnung mein Leben verändern würde! Der Fremde stellte mir noch seine Freunde vor und dann begann bald das Konzert. Wie es der Zufall so wollte, schafften wir es jedes Mal, gemeinsam auf den Boden zu fallen. Wie es der Zufall so wollte, fühlte sich das wunderschön an. Als ich ihn fragte, wo er wohnte, hoffte ich auf etwas in meiner Nähe. „Berlin“, meinte er. „Mist“, dachte ich. Dennoch schrieb er mir seine Adresse auf den Arm. Mir war klar, dass wir trotzdem nie wieder miteinander reden würden. Doch wir taten es. Wir taten es viel. Und wir sahen uns. Oft. Und öfter. Und immer öfter. Und wir küssten uns. Und wir liebten uns. Sechs Monate liebten wir uns, so sehr, wie zwei Menschen sich nur lieben können, und dann trennten wir uns..
„Okay, das reicht. Du musst diese schöne Erinnerung nicht wieder kaputt machen, nur, weil du jetzt wieder das Ende vorweg nimmst, okay? Bis zu dem Punkt, wo wir draußen standen, Donuts aßen und Adressen austauschten, war es ein schöner Abend. Kompanie halt. Aufwachen! Aufwachen!“

Diesmal wache ich tatsächlich auf, aber ich zahle auch den Preis: der unschöne Nachgeschmack, den diese Gedanken immer wieder hinterlassen. „Vorwärts blicken, altes Haus.“, rede ich mir ein, aber ich war schon wieder traurig. Natürlich war ich traurig. „Wie oft sage ich dir, du sollst dich nicht in solchen Erinnerungen suhlen wie ein Schwein im Schlamm, natürlich sind sie schön, zu schön, aber sie alle enden bitter, und das weißt du.“ Darauf schweigt mein Gehirn erst mal. Es schweigt lange. Es schweigt so lange, bis ich einfach einschlafe, weil mir das ganze Geschweige zu anstrengend wird.

Guten Morgen!

Tag 1. Der Wecker klingelt. Wie jeden Morgen bin ich erstmal verwirrt. Dann schalte ich den Alarm aus, stehe auf, watschle ins Bad und putze mir die Zähne.

Zumindest stelle ich mir in den zehn Minuten, die ich noch wach bin, bevor ich mich wieder umdrehe, vor, wie das wäre, würde ich jetzt tatsächlich ins Bad gehen. Stattdessen schlafe ich einfach wieder ein. Ganz normal.

Um 15h luge ich noch einmal vorsichtig unter meiner Bettdecke hervor und ärgere mich darüber, dass es bei dieser Vorstellung blieb. Aus Frustration halte ich erneut ein Nickerchen.
Bis ich mich schließlich dazu durchringen kann, mir wenigstens Frühstück zu machen, vergehen weitere zwei Stunden. Es ist jetzt 17h, ich sitze in der WG-Küche und muss mich den Herausforderungen sozialer Interaktion stellen. Das ist das Problem mit WGs, sie sind zwar praktisch und preiswert, bringen aber auch den Nachteil mit sich, dass man anderen lebenden Individuen weniger gut ausweichen kann.
Also lächle ich, nicke, tue so, als sei ich schon seit sieben Stunden wach und versuche das alles möglichst authentisch rüberzubringen.
Es funktioniert. Den meisten Leuten ist es sowieso egal, was man ihnen erzählt. Du könntest sagen „ach übrigens, heute Abend treffe ich mich mit Hitler zum Dinner“, wenn nur genug Enthusiasmus in der Stimme ist, fragt da keiner mehr nach.
Egal.

Viel wichtiger ist, dass ich unterdessen festgestellt habe, dass meine Milch eingefroren ist. Ich schneide sie auf, was mich zwar kein Stück klüger macht, mich aber davon abhält, mir einzugestehen, dass ich einkaufen gehen muss. Zur Sicherheit schaue ich nochmal in den Kühlschrank und in alle anderen erdenklichen Schränke auch. Mehr fällt mir nicht ein, um sinnvoll Zeit zu schinden.

Ich bin versucht, mich einfach wieder ins Bett zu legen, schaffe es aber tatsächlich (und das erstaunt mich selbst), mich davon zu überzeugen, meine Jacke anzuziehen. Bis ich letztendlich vor der Tür stehe, sind weitere anderthalb Stunden vergangen.

Also. Los geht’s.
Tür auf.
Kaltwindigdunkelmüderegenmama.
Tür zu.
Seufzen.
Tür wieder auf.
Schritt. Schritt. Okay, okay. Brodnudelnkäsewassermilch.

Hinterher beträgt mein Einkaufspreis etwas über 15€ und wenn ich nicht so lethargisch wäre, würde ich mir die Mühe machen, böse in die Gegend zu starren. Stattdessen starre ich einfach so vor mich hin, ohne böse zu sein.

Ich quetsche meine Waren in einen Rucksack, der mir Rückenschmerzen bereitet, stapfe davon und fühle mich ziemlich tapfer.

Zuhause bereite ich mir mit viel Herzblut eine Schüssel Cornflakes zu, in der Hoffnung, diesmal ohne menschlichen Kontakt davon zu kommen.

Ich habe Glück und kann mich ungestört wieder in mein Zimmer verkriechen. Denke ich zumindest, bis es an mein Fenster klopft.
Ich wünschte, das wäre eine unrealistische Aussage, aber leider wohne ich im Erdgeschoss. Prinzipiell kann mir jederzeit irgendein Depp ans Fenster klopfen. Was auch passiert.

„Ey“, tönt es.
„Ey“, töne ich zurück.
„Was machst du so?“
„So Dinge.“ – meine Universalantwort.
„Kiffen?“

Ich überlege. Kiffen ist ungesund, der Rauch schädigt die Lunge, das Zeug im Tabak, Nikotin, Teer (Teer! Was zum Teufel ziehen wir uns da eigentlich rein?!) macht sowieso alles kaputt, es kann psychisch abhängig machen und bei einigen Menschen ist es in der Lage, Psychosen auszulösen. Die Chance auf einen schlechten Trip, der mich umhaut, ist durchaus vorhanden. Abgesehen davon hab ich diese Woche schon drei mal geraucht. Es spricht also alles dagegen.

„Klar“, sage ich.

Da es vielleicht unhöflich ist, eine Konversation schon nach zehn Worten zu beenden, reden wir noch ein wenig weiter. Ich glaube, mein Gesprächspartner ist dahinter gekommen, dass ich ihn angelogen habe bezüglich meiner heutigen Aktivitäten, denn irgendwann fragt er:
„Sag mal, bist du eigentlich depressiv oder so?“
Woraufhin ich natürlich antworte: „Nö, du?“

Jetzt mal ehrlich.

Menschen

Menschen. Eigentlich reicht dieses Wort, um sich aufzuregen. Es ist ein Wort, das einfach so viel Negatives auf einmal beschreibt, dass man gar nichts anderes mehr braucht. Wenn man sagt „Menschen“, dann wissen alle, dass es da nichts Positives dran gibt. „Menschen“.

Vor allem diese Exemplare, die sich „Freunde“ nennen. Das sind die Schlimmsten von allen. Sie lullen dich ein mit ihren Umarmungen und ihren wohlgemeinten Einflüsterungen, bis du glaubst, du bist ihnen wirklich wichtig, um dich dann nach und nach zu zerstören. Freunde.
Ich kenne einige solcher Exemplare. Ich glaube, ich kenne sogar kaum ein Exemplar, dass sich auf das Umarmen und Einflüstern beschränkt und auf das Zerstören verzichtet. (Nagut, vielleicht ist Fyn so ein Exemplar. Fyn könnte nicht mal jemandem etwas zuleide tun, wenn sie wollte, fürchte ich. Wenn Fyn in einem Straßenkampf wäre, würde sie sich entschuldigen, nach dem sie ihren Gegenüber niedergestreckt hätte, ehrlich wahr)
Jedenfalls, Menschen. Du rufst sie an, du verabredest dich und im letzten Moment heißt es „Nein, doch nicht. Aber morgen, morgen melde ich mich und dann machen wir auf jeden Fall etwas zusammen!“. Spätestens wenn jemand zu dir sagt „..aber morgen“ solltest du diese Person abschreiben. Ganz sicher. Denn dieses „aber morgen“ wird niemals stattfinden. Genauso wie „ein anderes Mal“ oder „nächstes Wochenende“ oder Ähnliches.
Es ist wirklich erstaunlich. Zeig mir deine Ausreden und ich sag dir, wer du bist. Ehrlich wahr.

Das Leben wäre so viel einfacher, wenn man nicht ständig auf andere angewiesen und abhängig von ihnen wäre. Es ist ein schrecklicher Kreislauf.
Aber nun.
Menschen, halt.

Perfectly Imperfect

Wir sagen nicht mehr behindert, sondern assistenzbedürftig. Nicht schwul, sondern homosexuell. Nicht Ausländer, sondern Mensch mit Migrationshintergrund, nicht Zigeunerschnitzel, sondern Schnitzel in Paprikasoße, nicht Negerkuss, sondern Schaumkuss mit Schokoglasur.
Wir sind alles Veganer. Wir haben unsere Solaranlage auf dem Dach und Früchte essen wir nur dann, wenn der mit Wasser, gepumpt aus dem eigenen Brunnen auf dem Hof, gespeiste Apfelbaum in unserem sorgfältig gepflegten Garten sich einmal jährlich dazu anschickt, sein Gut auf den Boden zu werfen.
Wir gehen alle direkt zum Psychiater, wenn wir Probleme haben und therapeutischer Hilfe bedürfen, und wenn unsere Beziehung kippt und uns nicht mehr gefällt, machen wir direkt Schluss, weil wir vernünftig sind.
Wir sind alle politisch, am besten links und komplett informiert. Wir suchen immer als erstes ein klärendes Gespräch.Wir benutzen kein Papier oder Plastik, wir essen keinen zugesetzten Zucker und verzichten am Abend auf Kohlenhydrate. Wir machen ausreichend Sport, lassen uns regelmäßig impfen und verpassen nie die Vorsorgeuntersuchung.
Wir haben noch nie mit unserem besten Freund rumgemacht oder unseren Partner betrogen.
Wir sind Feministen und zwar alle, besonders Frauen, und Männer sowieso. Wir haben unser Abitur durchgezogen und unser Studium nicht abgebrochen, wir sind kulturell gebildet und gehen gerne ins Museum, und zwar in jedes.
Wir lassen uns nicht von der Werbung oder den Medien beeinflussen. Wir pauschalisieren nicht, nie.

Wir klauen nicht. Wir lügen nicht. Wir saufen nicht. Wir nehmen keine Drogen und prügeln uns nie.

Wir sind die perfekten Bürger.

Leihgabe

Eigentlich sollte ich mich nicht darüber wundern, dass es Menschen gibt, die nicht so denken wie ich. Manchmal tu ich’s aber doch. Ich stolperte letztens in einem Forum über einen Thread, dessen Erstellerin aus Versehen ein Kleid in der Umkleide zerissen hat. Viele sagten ihr, das sei gar nicht so schlimm, ihnen passiere das auch öfters und sie würden das Kleidungsstück dann einfach unauffällig wieder zurück hängen. Ich habe mich fürchterlich darüber echauffiert, sowas kann doch nicht angehen. Als Antworten erhielt ich nur sinnvolle Sätze wie „Was bist du denn für eine?“, und zwar von der Mehrheit. Kaum jemand stimmte mir zu, dass ich so ein Verhalten unmöglich finde.

Ich habe das Gefühl, es ist inzwischen normal. Alles gehört mir. Egal, wem es gehört, es gehört trotzdem mir. Ich muss niemanden dafür entschädigen, wenn ich es zerstöre. Bei Sachen wie dem Kleid geht es mir nicht mal ums Geld. Natürlich ist es bitter, einen (eventuell) hohen Betrag für etwas auszugeben, nur, um etwas reparieren zu müssen, was ich nicht mal mein Eigentum nennen kann. Fakt ist, die wenigsten Firmen würden zur Zahlung auffordern, denn in der Regel sind sie gegen solche Fälle versichert. In der Gastronomie nennt man das Schankverlust: aus einer Flasche Korn kriegt man theoretisch gesehen 35 Gläser. Aber es geht immer mal was daneben, und exakt den Strich bei 2cl trifft man sowieso nicht immer. Also plant man von vornherein den Gewinn nur mit vielleicht etwa 30 Gläsern. Genauso ist das bei allem anderen auch. Mir geht es hier schlicht und ergreifend um den Anstand, sich dafür zu entschuldigen, etwas kaputt gemacht zu haben. Und notfalls muss man eben mit den Konsequenzen rechnen. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein.

Allein diese fragwürdige Moral finde ich traurig genug. Aber es gibt inzwischen auch so Spezialisten, die „was meins ist, ist auch deins“ irgendwie zu ernst meinen.

Ich verleihe gerne Sachen. Eigentlich. Leihen ist eine gute Sache: ich kann mir etwas eine Weile angucken und später entscheiden, ob ich es so toll finde, dass ich es selber haben muss. Dann gehe ich in den Laden und kaufe es mir. Wenn ich entscheide, ich brauche es doch nicht, konnte ich mir wenigstens ein ausführliches Urteil darüber bilden. Bei Büchern zum Beispiel ist das sehr praktisch. Fachliteratur z.B. ist äußerst teuer. Wenn ich ein bestimmtes Buch nur für ein Examen brauche, muss ich es mir nicht direkt kaufen, sondern kann einfach irgendwen fragen, der es bereits besitzt und es hinterher zurückgeben. Zugegeben, auch mir passiert es, dass ich mal etwas längerfristig bei mir Zuhause rumgammeln lasse – weil ich es einfach vergesse. Spätestens wenn man mich das dritte mal drauf anspricht bringe ich es beim nächsten Treffen mit. Und jetzt kommt der wichtigste Punkt: unversehrt. Und wenn es das nicht ist, dann ersetze ich es. Keine Diskussion. Nun sind mir aber auch schon Menschen untergekommen, die die geliehenen Stücke nicht nur behandeln wie Dreck (kostbare CDs einfach wahllos in Kartons geworfen) oder sogar gleich verlieren. Das allein ist mir schon unbegreiflich genug, aber wirklich schwammig wird mir zumute, wenn ich mitbekomme, dass meine verliehenen Sachen sogar noch weiterverliehen werden – ohne mich vorher zu fragen oder mich überhaupt darüber in Kenntnis zu setzen. Ich hatte meine Bassgitarre, weil sie so schwer ist, früher immer in unserem Bandprobenraum gelagert. Irgendwann rief ich beim Besitzer des Raumes (wir probtem im Gästeraum des Elternhauses eines unserer Mitglieder) und erfuhr, dass er das gute Teil an unseren Gitarristen verliehen hätte. Ach. Danke. Darf ich da vielleicht auch noch mitreden? Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist: ist das eigentlich schon Diebstahl? Oder bin ich selbst Schuld, weil ich meine Sachen so bereitwillig aus der Hand gebe? In was für einer Welt leben wir, dass wir nicht nur darauf achten müssen, auf die Dinge aufzupassen, die wir gerade in unserer Umgebung haben, sondern auch auf die, die andere in ihrer Nähe wissen. Ich kann nicht einfach guten Gewissens meine Sachen verteilen, ohne daran zu denken, sie entweder kaputt oder gar nicht wiederzuerhalten.

Mittlerweile mache ich das auch gar nicht mehr. Ich verleihe kaum bis gar keine Dinge und wenn, dann nur noch so, dass ich sie mir möglichst einfach und unkompliziert selbst wiederholen kann, wenn der Abnehmer es nicht aus eigener Kraft schafft, dafür zu sorgen, dass sie wieder in meinen Besitz überwandern. Ich finde das vor allem schade. Jeder will alle für sich haben. Dabei haben wir so viel. Nicht jeder braucht ein eigenes Auto. Nicht jeder braucht eine eigene Dusche. Es gibt so viele Dinge, die man unkompliziert teilen kann – und eigentlich auch sollte. Auf dieser Basis funktioniert das natürlich nicht. Fortschrittliche Entwicklungen wie Carsharing, Fahrradverleihs oder Büchereien sind eine wirklich tolle Sache, nur leider weiß sie kaum jemand zu schätzen. Noch.
Aber irgendwann wird soetwas unabdingbar sein und vielleicht entwickelt sich aus der Notwendigkeit heraus endlich die Mentalität, die man dazu braucht, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

Lübbecke

Es ist wohl (leider) jedem bekannt, dass „Städte“ mit < 50.000 Einwohnern existieren. Eine dieser „Städte“ ist Lübbecke. Lübbecke liegt im nordwestlichsten Zipfel Nordrheinwestfalens, in OWL, irgendwo zwischen Bielefeld und Hannover, an der Grenze zu Niedersachsen. Niedersachsen, ein wunderschönes Bundesland mit wunderschönen Städten wie Bremen, Goslar, Hamburg (irgendwie). Niedersachsen hat die Berge und das Meer, es ist das perfekte Bundesland. Und dann kommt Nordrhein-Westfalen. Nordrhein-Westfalen, dieser Name allein ist schon so dermaßen hässlich, dass selbst ich lange Zeit nicht wusste, wie und vor allem wozu man das überhaupt schreibt. Nordrhein-Westfalen, ein Bundesland, das auftrumpft mit Städten wie Essen, Duisburg, Düsseldorf, Köln, kurzum ein Land, das denkt, es sei cool, weil die einzigen größeren Städte völlig vollbetoniert und verdreckt sind. In diesem Bundesland liegen alle Städte, die ich hasse. Bochum zum Beispiel – wieso sollte man freiwillig in Bochum wohnen?! Oder Köln. Das einzig schöne an Köln ist der Rhein, und den gibts auf einer Länge von 1238km auch woanders. Und: Bielefeld. Eine Stadt, die sich damit rühmt, nicht zu existieren. Ich glaube, das sagt schon alles. Aber der Ort, den ich wirklich am allermeisten hasse, noch mehr als Köln und Bochum und Bielefeld zusammen (die sind einfach nur hässlich. Damit kann man noch irgendwie leben) ist Lübbecke. Für mich wäre die Existenz dieser Gemeischaft auch nicht weiter tragisch, ich könnte das gut verdrängen, wenn sie mich nicht unmittelbar selbst beträfe.

Was ist so schlimm an Lübbecke? Ist es hässlich? Nicht mal das. Lübbecke hat den Mittellandkanal, einen großen Wald und eine niedliche Innenstadt. Außerdem ist Lübbecke ein einziger Berg, was zwar unpraktisch ist, aber auch einen gewissen Charme verleiht. Nein, was so schlimm an Lübbecke ist, ist seine Größe. Und seine Einwohner. In Lübbecke ist es leider Gottes völlig normal, dass um 18h niemand mehr aus dem Haus geht. Da werden sozusagen „Die Bürgersteige hochgeklappt“. Man könnte jetzt argumentieren, gut, es ist eben ein Dorf, mit lauter alten Leuten. Aber dieses Dorf hat ein Gymnasium. Und ich frage mich: sind sogar schon die Jugendlichen hier so verspießt, dass sie nicht mal mehr nach 18h rausgehen? In Lübbecke gibt es keine Graffitis. Vielleicht liegt das an diesem Verbot, das Zimmer zu verlassen, sobald es dunkel wird. In Lübbecke gibt es auch keine Gangs und wenn es welche gäbe, wäre die größte Bedrohung, die sie aussendeten, ihre schiere Existenz. In Lübbecke gibt es keine Bettler, es gibt nicht mal Aldi. Es ist eine Stadt, die mit einem Prunk prahlt, der nicht vorhanden ist.

Ich könnte damit leben, dass ich nach 18h keinen Kaffee mehr bekomme. Ich könnte auch damit leben, dass Geschäfte samstags, an dem Tag, wo man Zeit hat, um all die Dinge zu erledigen, für die man sonst keine Zeit hat und die man schon sonntags nicht erledigen kann, weil sonntags erstrecht alle Läden zu haben, nur von 11 – 16h auf haben. Das sind Dinge, nach denen ich mich richten kann. Aber wonach ich mich nicht richten kann, ist der Bahnhof.

Oder wie auch immer man dieses Ding nennen soll, denn den Namen „Bahnhof“ hat es eigentlich nicht verdient. Es ist ein Gleis mit einer Nummer dran, daneben ist zwar ein Bahnhofsgebäude, aber wenn man dieses tatsächlich betreten könnte, wäre das geradezu revolutionär. Aber eigentlich gibt es gar keinen Grund, es zu betreten, denn es fahren stündlich ganze zwei Züge, einer um zwanzig nach in Richtung Bielefeld und einer um fünf nach halb in Richtung Rahden. Mehr nicht. Bielefeld und Rahden, wenn man von Lübbecke aus mit dem Zug eine Fernreise unternehmen möchte, muss man erst mal mit dem Auto bis nach Espelkamp fahren, um überhaupt eine Fahrkarte zu kaufen, denn in Lübbecke fährt nur eine eurobahn, die bekannterweise ihre Fahrkartenautomaten im Zug haben. Gut, es kommt nicht oft vor, dass man eine Fernreise unternimmt, wenn man in Lübbecke wohnt. Schließlich gibt es in dieser Stadt alles, was man braucht, wenn man freiwillig dorthin zieht, nämlich gar nichts. Ich persönlich könnte mich mit dem Fahrkartenautomaten im Zug auch arrangieren und das habe ich inzwischen auch größtenteils, aber was ist mit den armen alten Omas, die fast die gesamte Bewohnerzahl ausmachen, die mal ein großes Abenteuer wagen und mit dem Zug fahren wollen?

Arme, alte Omas, die nicht wissen, dass der Zug keine ec-Karten akzeptiert? Oder 50€-Scheine? Oder 20 Centmünzen? Arme, alte Omas haben vielleicht noch Glück. Aber als ich das erste mal mit diesem Zug fahren wollte, hatte ich kein Bargeld dabei. Und musste prompt 40€ zahlen, weil ich nicht in der Lage war, ein Ticket zu kaufen. Man möge sich darüber echauffieren, wie man will (und glaubt mir – das habe ich), aber die Schaffner können da gar nichts für. Die sind nämlich alle komplett irre. Ich meine das wörtlich, ich habe auch schon eine „gelbe Karte“ bekommen. Es ist lächerlich genug, dass eine Eisenbahngesellschaft so etwas wie gelbe Karten austeilt. Gelbe Karten sind Schiedsrichtern und Kindergärtnern vorbehalten, alles andere ist und bleibt einfach lächerlich. Diese gelbe Karte ist für Leute, die den Zug verschmutzen. Wie es der Zufall so will, gibt es natürlich auch eine rote Karte. Wenn man diese erst mal freigeschaltet hat, fällt eine Reinigungspauschale von 20€ an. Ich hätte kein Problem mit der gelben Karte gehabt, auch nicht mit ihrer Unseriösität, wenn sie gerechtfertigt wäre.

Es ergab sich nämlich Folgendes: im Zug selbst befanden sich neben mir vielleicht 10 Menschen. Eurobahnen sind klein, aber nicht so klein, als dass nicht bei 10 Menschen jeder einen Viererplatz für sich allein hätte ergattern können und trotzdem noch massig frei wären. Ich hatte also meinen Rucksack auf dem Stuhl vor mir und meine Füße auf dem Rucksack. Ich bekam eine gelbe Karte. „Wieso das denn?“, fragte ich. „Lesen Sie doch mal, was dort steht.“ „Blabla Reinigungspauschale blabla.. aber ich mache den Sitz doch gar nicht dreckig, deswegen liegt dort doch mein Rucksack.“ Die Antwort, die ich bekam, führte zu meiner sofortigen Wegnahme des Rucksacks: „Sie blockieren mit ihren Füßen und ihrem Rucksack den Sitz. Es könnten sich vielleicht Leute draufsetzen wollen.“ Ich war sprachlos. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in einem fast leeren Zug eine Person ausgerechnet auf den Platz direkt vor mir, nicht neben oder schräg gegenüber von mir, hätte setzen wollen, war ziemlich gering. Und verschmutzt hatte ich auch nichts. Nichtsdestotrotz bekam ich diese Standpauke.

Diese Schaffnerin fiel nicht nur mir negativ auf (mehrmals). Sogar die Fahrkartenverkäufer in Espelkamp kennen sie als „die Verrückte“. Ich bin also nicht nur dazu gezwungen, in einem Zug zu fahren, der in lauter Städten hält, die niemanden interessieren, wie z.B. „Bieren-Rödinghausen“ oder dem Bedarfshalt „Neue Mühle“, der sogar so dermaßen unwichtig ist, dass man, wie im Bus, eine Stopp-taste drücken muss, nein, ich bin auch noch dazu gezwungen, völlig weltfremdes Dienstpersonal zu erleiden. Allein das schießt Lübbecke für mich als potenziellen Wohnort ins Aus.

Aber all das wäre sogar noch irgendwie ertragbar. WENN WENIGSTENS AUCH SONNTAGS SICH DIE BAHN NICHT ZU BEQUEM WÄRE, UM STÜNDLICH ZU FAHREN. Denn sonn- und feiertags ist man nur etwa alle zwei Stunden in der Lage, diesen wunderschönen Ort zu verlassen.

Der letzte Zug fährt um 19.40h. Gute anderthalb Stunden, nachdem die Bürgersteige hochgeklappt wurden. Wenn man das weiß, kann man sich auch darauf vorbereiten. Aber wehe, man vergisst es. Denn der Weg bis zur Innenstadt, wo man in einer der zahlreichen (3) Lokalitäten, in denen man evtl. nach 18h noch einen Kaffee bekäme, ums ich die Zeit zu vertreiben, dauert geschlagene 20 Minuten. Denn natürlich ist es dieser Stadt, die so unglaublich reich ist, weil dort ein riesiges Industriegebiet ist, in der Firmen wie Gehwohl ansässig sind, es keine armen Leute gibt und dort nur Omas wohnen, die Schutzwesten für Bäume stricken, nicht möglich, ein Café, einen Imbiss oder irgendetwas anderes in die Nähe des Bahnhofs zu bauen. Wenn man also eine Stunde warten muss, weil der Zug es nicht für nötig hält, zu kommen, hat man entweder die Wahl, den ganzen gottverdamten Berg wieder hochzulatschen, oder in der Kälte zu warten und sich mit dem Snacks aus dem großzügigerweise bereitgestellten Snackautomaten zu begnügen.

Mir ist das mehr als einmal passiert. Es geht einfach nicht in meinen Kopf, wie eine Stadt existieren kann, in der es Tage gibt, an denen die Züge nur alle zwei Stunden fahren, weil zufälligerweise ein anderer Wochentag ist als sonst.

Aber zum Glück ziehe ich ja im Dezember nach Berlin. Dann werde ich mich wahrscheinlich darüber aufregen, wieso die S-Bahn Freitagmorgen um 3 nur noch alle vierzig Minuten fährt.