Leihgabe

Eigentlich sollte ich mich nicht darüber wundern, dass es Menschen gibt, die nicht so denken wie ich. Manchmal tu ich’s aber doch. Ich stolperte letztens in einem Forum über einen Thread, dessen Erstellerin aus Versehen ein Kleid in der Umkleide zerissen hat. Viele sagten ihr, das sei gar nicht so schlimm, ihnen passiere das auch öfters und sie würden das Kleidungsstück dann einfach unauffällig wieder zurück hängen. Ich habe mich fürchterlich darüber echauffiert, sowas kann doch nicht angehen. Als Antworten erhielt ich nur sinnvolle Sätze wie „Was bist du denn für eine?“, und zwar von der Mehrheit. Kaum jemand stimmte mir zu, dass ich so ein Verhalten unmöglich finde.

Ich habe das Gefühl, es ist inzwischen normal. Alles gehört mir. Egal, wem es gehört, es gehört trotzdem mir. Ich muss niemanden dafür entschädigen, wenn ich es zerstöre. Bei Sachen wie dem Kleid geht es mir nicht mal ums Geld. Natürlich ist es bitter, einen (eventuell) hohen Betrag für etwas auszugeben, nur, um etwas reparieren zu müssen, was ich nicht mal mein Eigentum nennen kann. Fakt ist, die wenigsten Firmen würden zur Zahlung auffordern, denn in der Regel sind sie gegen solche Fälle versichert. In der Gastronomie nennt man das Schankverlust: aus einer Flasche Korn kriegt man theoretisch gesehen 35 Gläser. Aber es geht immer mal was daneben, und exakt den Strich bei 2cl trifft man sowieso nicht immer. Also plant man von vornherein den Gewinn nur mit vielleicht etwa 30 Gläsern. Genauso ist das bei allem anderen auch. Mir geht es hier schlicht und ergreifend um den Anstand, sich dafür zu entschuldigen, etwas kaputt gemacht zu haben. Und notfalls muss man eben mit den Konsequenzen rechnen. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein.

Allein diese fragwürdige Moral finde ich traurig genug. Aber es gibt inzwischen auch so Spezialisten, die „was meins ist, ist auch deins“ irgendwie zu ernst meinen.

Ich verleihe gerne Sachen. Eigentlich. Leihen ist eine gute Sache: ich kann mir etwas eine Weile angucken und später entscheiden, ob ich es so toll finde, dass ich es selber haben muss. Dann gehe ich in den Laden und kaufe es mir. Wenn ich entscheide, ich brauche es doch nicht, konnte ich mir wenigstens ein ausführliches Urteil darüber bilden. Bei Büchern zum Beispiel ist das sehr praktisch. Fachliteratur z.B. ist äußerst teuer. Wenn ich ein bestimmtes Buch nur für ein Examen brauche, muss ich es mir nicht direkt kaufen, sondern kann einfach irgendwen fragen, der es bereits besitzt und es hinterher zurückgeben. Zugegeben, auch mir passiert es, dass ich mal etwas längerfristig bei mir Zuhause rumgammeln lasse – weil ich es einfach vergesse. Spätestens wenn man mich das dritte mal drauf anspricht bringe ich es beim nächsten Treffen mit. Und jetzt kommt der wichtigste Punkt: unversehrt. Und wenn es das nicht ist, dann ersetze ich es. Keine Diskussion. Nun sind mir aber auch schon Menschen untergekommen, die die geliehenen Stücke nicht nur behandeln wie Dreck (kostbare CDs einfach wahllos in Kartons geworfen) oder sogar gleich verlieren. Das allein ist mir schon unbegreiflich genug, aber wirklich schwammig wird mir zumute, wenn ich mitbekomme, dass meine verliehenen Sachen sogar noch weiterverliehen werden – ohne mich vorher zu fragen oder mich überhaupt darüber in Kenntnis zu setzen. Ich hatte meine Bassgitarre, weil sie so schwer ist, früher immer in unserem Bandprobenraum gelagert. Irgendwann rief ich beim Besitzer des Raumes (wir probtem im Gästeraum des Elternhauses eines unserer Mitglieder) und erfuhr, dass er das gute Teil an unseren Gitarristen verliehen hätte. Ach. Danke. Darf ich da vielleicht auch noch mitreden? Die Frage, die ich mir dabei stelle, ist: ist das eigentlich schon Diebstahl? Oder bin ich selbst Schuld, weil ich meine Sachen so bereitwillig aus der Hand gebe? In was für einer Welt leben wir, dass wir nicht nur darauf achten müssen, auf die Dinge aufzupassen, die wir gerade in unserer Umgebung haben, sondern auch auf die, die andere in ihrer Nähe wissen. Ich kann nicht einfach guten Gewissens meine Sachen verteilen, ohne daran zu denken, sie entweder kaputt oder gar nicht wiederzuerhalten.

Mittlerweile mache ich das auch gar nicht mehr. Ich verleihe kaum bis gar keine Dinge und wenn, dann nur noch so, dass ich sie mir möglichst einfach und unkompliziert selbst wiederholen kann, wenn der Abnehmer es nicht aus eigener Kraft schafft, dafür zu sorgen, dass sie wieder in meinen Besitz überwandern. Ich finde das vor allem schade. Jeder will alle für sich haben. Dabei haben wir so viel. Nicht jeder braucht ein eigenes Auto. Nicht jeder braucht eine eigene Dusche. Es gibt so viele Dinge, die man unkompliziert teilen kann – und eigentlich auch sollte. Auf dieser Basis funktioniert das natürlich nicht. Fortschrittliche Entwicklungen wie Carsharing, Fahrradverleihs oder Büchereien sind eine wirklich tolle Sache, nur leider weiß sie kaum jemand zu schätzen. Noch.
Aber irgendwann wird soetwas unabdingbar sein und vielleicht entwickelt sich aus der Notwendigkeit heraus endlich die Mentalität, die man dazu braucht, die Welt ein kleines bisschen besser zu machen.

  1. Nur noch an mich, weil ich dir alles zurück bringe. Ich hätte catcher in the rye , das ich von dir geliehen hatte auch am liebsten behalten :D Aber ich bin ja auch nicht so jemand! Du könntest es mir zum Geburtstag schenken wenn du es nicht mehr lesen möchtest :S

    Hast aber recht mit der Moral von Menschen und allem :/

    Wollte gerade noch was sagen- hab’s vergessen. Aber ich les dann mal deine anderen Blogeinträge, die ich verpasst habe :)

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