#Irgendwo in Schweden

Irgendwo in Schweden. Mein Freund und ich laufen etwas entlang, das wir für die Hauptstraße des Dörfchens befunden haben, in dem wir uns gerade aufhalten. Es ist ein goldener Herbstmittag, die Sonne scheint, es ist zwar nicht wirklich warm, aber auch nicht kalt. Vereinzelt ziehen Wolken über den Himmel, der Tag bisher hätte besser sein können, aber es geht voran und die Stimmung ist gut. Unser Ziel ist Västervik, eine Stadt am südöstlichen Ostseerand Schwedens und wir befinden uns noch einige Kilometer südlich. Wir sind seit zwei Tagen im Land und haben unsere Erwartungen schon mächtig runtergeschraubt. Wir trampen, oder besser gesagt – wir versuchen, zu trampen, denn anscheinend ist das Land nicht gerade für seine Offenheit Fremden gegenüber bekannt. Aber egal – wir haben Zeit, also laufen wir mit ausgestrecktem Daumen weiter und singen Lieder.
Wir haben uns schon ein Stück von der Dorfmitte entfernt, als die Wolken anfangen, sich zusammenzuziehen. „Sieht nach Regen aus“, merke ich an. Mein Freund nickt. Wir schauen uns besorgt an. Es ziehen hier nur wenige Autos entlang, bisher starrten uns nur skeptisch dreinblickende Augenpaare von hinter der Windschutzscheibe musternd an. Unsere gute Laune beginnt langsam zu verfliegen, aber wir haben keine große Wahl. Entweder die paar Kilometer mit dem schweren Rucksack wieder zurücklaufen oder bis in die nächste Stadt mitgenommen werden lautet die Devise. Wir entscheiden uns für letztere Option und singen weiter.
Plötzlich blinkt jemand, das Bremslicht flackert auf, er fährt an den Seitenstreifen, hält an und winkt uns zu sich heran. Ich frage ihn, wo er hinfährt, aber sein Englisch ist nicht gut und wir verstehen ihn nicht genau. Da wir aber Angst vor dem Regen haben entscheiden wir uns, bei ihm einzusteigen. „Bis zur nächsten Tankstelle“, meine ich herausgehört zu haben und Tankstellen sind prinzipiell erst mal immer ein guter Anhaltspunkt.
Prinzipiell.
Denn die „Tankstelle“, zu der er uns bringt, ist auch nur ein Stück die Straße runter – nun sind wir allerdings zu weit weg, um zu Fuß wieder zurück in Richtung Dorf zu gehen. Wir wollen uns gerade umdrehen, als der Mann grußlos davon fährt. Es beginnt zu regnen.
„Immerhin, an Tankstellen gibt es Essen, Trinken und Toiletten – damit fange ich erst mal an“, sage ich zu meinem Freund und stapfe auf das kleine Häuschen zu. Der Kerl hinter der Kasse scheint nicht begeistert über mein Anliegen, hat aber Nachsehen und überreicht mir schließlich den Toilettenschlüssel. Als ich das Badezimmer betrete bin ich mir nicht sicher, ob ich nicht lieber wieder umkehren und in den Wald gehen möchte. Schließlich gebe ich dem Mann seinen Schlüssel zurück, er nickt mich grimmig an und starrt weiter ins Leere. Viel zu tun hat er nicht, denn seine Dienste werden nicht besonders oft in Anspruch genommen – es ist eine Selbstbedienungs-Tankstelle.
Der Regen nimmt zu. In regelmäßigen Abständen schleicht eine alte Frau um uns herum. „Die finde ich irgendwie gruselig“, sagt meine Begleitung. Ich stimme zu. „Aber im Endeffekt ist es nur eine alte Frau. Was soll sie schon tun?“ In dem Moment kommt sie mit rasender Geschwindigkeit auf uns zu und brabbelt unverständliches Zeug. „Entschuldigung, ich spreche kein Schwedisch!“, sage ich, aber es interessiert sie nicht. Wir gehen ein Stück zurück. Sie entfernt sich. Ich atme auf. Eine halbe Stunde später sehen wir sie, wie sie sich uns wieder von der anderen Straßenseite aus nähert. Sie fängt an, zu rufen. Hilflos schaue ich meinen Freund an. „Und jetzt?“ Er schüttelt den Kopf.
Unsere Lieder sind inzwischen vollends verstummt, der Regen trommelt auf das Dach und wir sind inzwischen froh, bei der Tankstelle und nicht mehr irgendwo auf der Straße zu sein. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes im Gesicht. Ich blicke hoch. Die Wellblechkonstruktion über mir sieht wenig vertrauenerweckend aus und, ja, tatsächlich, es tropft hindurch. „Das ist nicht gut“, murmelt mein Freund und auch ich beginne langsam meinen Optimismus zu verlieren. Autos ziehen teilnahmslos an uns vorbei. Mit jedem Scheinwerferpaar ein neuer Hoffnungsschimmer. Wir sprechen inzwischen alles an, was sich zwischen die Zapfsäulen verirrt, ohne Erfolg.
Plötzlich hält ein Wagen aus dem ein sehr dubios aussehender Mensch aussteigt. Ich schätze ihn auf Ende zwanzig, wohnhaft noch bei Mutti, fettige Haare, schlabbrige Jeans. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Play-Station“ und einem Pfeil nach unten. „Kein Sex, keine Freundin, dafür ein Terrabyte Pornos auf der Festplatte.“, schießt es mir durch den Kopf.
Mein Freund und ich tauschen gerade seufzende Blicke aus, als der Typ auf uns zu geht und uns anspricht. „Wo wollt ihr hin?“, fragt er. „Västervik“, antworte ich, „aber eigentlich ist es auch egal, Hauptsache in die nächste Stadt, Hauptsache eine Unterkunft“. Er nickt. Er fahre nach Kalmar, sagt er, und bietet uns an, uns mitzunehmen. Unter normalen Umständen hätte ich höflich abgelehnt, aber in dem Moment überkam mich nur noch tiefste Dankbarkeit darüber, hier endlich wegzukommen und schlussendlich stiegen wir mit einem mulmigen Gefühl im Magen ein.
Der Herr entpuppt sich tatsächlich als Ende zwanzig, aber berufstätig und deshalb geschäftlich unterwegs auf der Strecke. Im Auto führen wir eine anregende Diskussion und die Fahrt bis nach Kalmar vergeht unglaublich schnell. Er setzt uns am Bahnhof ab, erklärt uns, wo ein Informationsstand sei, an dem wir uns eine Karte besorgen können und weist uns den Weg in die Innenstadt, wo wir sicherlich ein günstiges Hostel finden. Zum Schluss drückt er uns noch 500 Schwedische Kronen in die Hand – umgerechnet etwa 70 Euro. „Wow, danke, das ist ja voll nett!“, stammele ich überfordert, er winkt ab, grüßt und fährt. Ich bin schockiert, aber glücklich. Mein Freund schaut fassungslos drein. „Kleider machen doch keine Leute“, denke ich. Wir ziehen los. Nach wenigen Schritten begegnet uns jemand, der fragt, ob wir eine Unterkunft für die Nacht brauchen und erkundigt sich nach unseren Reisemotiven. „Wir fahren per Anhalter um die Ostsee, wir kommen aus Deutschland“, referiere ich. Der Mann ist begeistert. „Normalerweise bin ich sehr aktiv in der Couchsurfing-Community. Heute habe ich leider keiner Zeit – aber wenn ihr etwas braucht, oder länger bleibt, oder wiederkommt, oder nichts findet, hier ist meine Nummer!“, sagt er und drückt mir ein bekritzeltes Stück Papier in die Hand. „So viel Nettigkeit an einem Tag bin ich gar nicht mehr gewohnt“, sagt meine Reisebegleitung und ich kann nur verwirrt nicken. „Ich hab nicht viel erwartet von dieser Reise. Ich wollte ein bisschen rumfahren, Spaß haben, die Welt entdecken, aber ich war der festen Überzeugung, dass wir nach zwei Tagen schon wieder Zuhause sein werden, weil nichts funktioniert. Jetzt hat die zweite Woche angefangen und ich habe zwar schon einmal auf einer Bank im Bahnhof übernachten müssen, aber ich habe auch gelernt, dass man immer irgendwie an sein Ziel kommt.“
Wie im Film beginnt der Regen sich zu lichten. Wir machen uns auf den Weg, ein Nachtlager zu finden. Auf der Karte sind wir heute nur 100km weit gekommen. Aber im Kopf hat sich ein Schalter umgelegt. Ich fange an, dieses Unternehmen zu lieben.

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