Neujahrsgedanken

Blaue Nacht wabert um mich herum. Es ist ungewöhnlich leise heute in meinem Apartmentblock. Die Stille inspiriert mich zum Nachdenken.

Ich sitze auf einer Matratze auf dem Boden, die neben einem aufgebauten Bettgerüst steht. Das Lattenrost ist noch nicht da. Das Bett steht triumphal neben mir, als würde es mich verhöhnen.

Mein Fenster ist ein Bilderrahmen, perfekt quadratisch, mit Ausblick auf das nächste Haus und einen kahlen Baum. Ob im Frühjahr die Blätter und Blüten die Fenster gegenüber verschleiern?

Mein Seelenleben ist seltsam leer. Ich bin aufgewühlt, aber zu beschäftigt, um mich dem Gewühl zu stellen. Also lasse ich meine Gefühle lieber im Abguss verschwinden.

In Sankt Petersburg sind Proteste, ich bin nicht da.
In Sankt Petersburg ist Schnee, ich bin nicht da.

Der Gedanke, dass ich nie wieder zu meinem gemütlichen, russischen Zuhause zurück kann, weil dieses gemütliche, russische Zuhause nicht mehr existiert, wiegt schwer in mir. Ich versuche, der Existenzlosigkeit entgegenzukaufen, aber nur mit bedingtem Erfolg.

Wo ich wohl wäre, ohne Corona?
Was ich wohl tun würde, ohne Corona?

Unbekannt Verzogen

In Berlin laufen die Touristen
nicht mehr
am Brandenburger Tor vorbei.
Die Touristen sind
nicht mehr vor dem Reichstag
und sie versperren mir auch nicht weiter
den Weg zur Uni.
Die rastlosen Reisenden verstopfen
nicht mehr
den Alexanderplatz und fragen
nicht mehr
nach dem Weg zu Primark.
Ich musste schon lange
keine Fotos mehr machen
für Fremde vor dem Berliner Dom.
Die neue Geschäftigkeit
zeigt sich am Einkaufswagengetummel im Supermarkt.
In Berlin
sind die Straßen leer
und die Gesichter der Menschen noch leerer.
In Berlin
ist es still in den Cafes
still in den Bars
und still auf den Tanzflächen.
In Berlin
hat der Herzschlag Pause
und die Herzlichkeit auch.
Bin ich hier richtig?
Bin ich die einzige, die sich das fragt?
Ich habe schon lange niemanden mehr gesehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.