Und trotzdem

Ich weiss, ich bin noch nicht fertig mit meinen Neuigkeiten aus Sibirien, aber mein Kopf ist gerade so voll. So voll und leer zugleich, und ich moechte lieber ueber etwas Anderes schreiben.

Nachdem wir mit Lyosha und dem Rest der Gang am Freitag das eine oder andere Bier zu viel hatten, haben David und ich den Samstag verkatert im Bett verbracht. Wir haben sowohl zum Fruehstueck als auch zum Abendessen bestellt (na ja, das Fruehstueck habe ich geholt. Der Punkt ist, wir haben nicht selbst gekocht). Und weil wir beide irgendwie muede und lethargisch waren, haben wir Fluch der Karibik geschaut. Und dann den zweiten. Und dann den dritten. Und es ist eigentlich gar nicht viel passiert und es war trotzdem ein sehr schoener Tag, trotz Kopfschmerzen.

Heute sind wir dafuer nach dem Fruehstueck eine grosse Runde gelaufen, Nevskij runter, bis zur Italyanskaya, dorthin, wo wir uns kennengelernt haben. Es war warm, also entschieden wir uns dazu, kuehle Getraenke zu kaufen. Wir sind also zurueck zur Fontanka und von dort nach Hause. Auf dem Weg haben wir noch Stefanie getroffen, die ungluecklicherweise zur Arbeit musste. Und auch das war sehr schoen alles.

Jetzt sitze ich im Wohnzimmer auf der grossen grauen Couch, und David ist in der Kueche. Er arbeitet an seinem Unterricht, ich tippe meinen Blog. Mein Herz war nie mehr zerrissen. Ich weiss, es ist die richtige Entscheidung, zurueck nach Berlin zu gehen. Nicht nur wegen der Annehmlichkeiten und der Angst vor einer erneuten Zuspitzung der Pandemie. Auch wegen meiner Zukunft, aus Geldgruenden. Weil es einfacher ist. Weil ich weiter studieren moechte, wenn auch nicht zwingend Osteuropastudien. Und trotzdem, wenn ich daran denke, schnuert es mir einfach die Kehle zu. Ich will hier nicht weg, will meinen Freund und meine Wohnung nicht verlassen. Wer weiss, wann ich wiederkommen kann? Ich fuehle mich immer noch nicht bereit dazu. Seit zwei Jahren versuche ich, hier zu leben. Ich habe mir gesagt, ich will wenigstens ein komplettes Jahr schaffen. Manchmal denke ich, die Pandemie ist nur ausgebrochen, weil das Universum einen neuen Grund suchte, mich davon abzuhalten hier zu wohnen. Ich weiss natuerlich, dass es Quatsch ist. Dass mir gar nichts bringt, mich zu beschweren, zu sagen, wie unfair das alles ist, zu schreien und zu weinen, mich in die Vergangenheit zurueckzuwuenschen. Ich weiss es, aber das macht es noch lange nicht einfach.

Natuerlich war nichts perfekt, als wir unsere neue Wohnung gefunden hatten, aber ich war zufrieden. Ich hatte ausreichend Geld, die Wohnung war fantastisch, meine Jobs waren okay, mein Fitnessstudio ein bisschen teuer, aber sehr nett. Ich hatte ein bisschen Erspartes und Urlaub in Portugal vor Augen. David und ich kamen gut miteinander klar. Es war okay. Es war sogar so okay, dass ich Angst hatte, nicht mehr weg zu wollen. Und ich hatte mir gedacht, na ja, ein Jahr oder zwei, das ist doch nicht so schlimm.

Jetzt habe ich sehr viel mehr Jobs, und sehr viel weniger Geld. Ich korrigiere Abschlussarbeiten, schreibe Artikel, uebersetze Werbung und unterrichte Deutsch. Und das alles nur, um am Ende des Monats meine Miete bezahlen zu koennen. Danach bleibt ein bisschen etwas uebrig fuer Essen und ein Bier oder zwei. Natuerlich will ich so nicht weiterleben, es ist unglaublich anstrengend und frustrierend.

Und trotzdem will ich einfach nur hierbleiben. Ich will, dass alles wieder in Ordnung ist. Dass Geld da ist, dass Work-Life-Balance da ist. Dass es Moeglichkeiten und Zukunftsperspektiven gibt. Und falls es mir dann doch zu viel wird, ein Wochenende Urlaub irgendwo mit besserer Lebensmittelauswahl. Aber das gibt es nicht mehr. Und ich bin muede. Und trotzdem…

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