Sibirien, Tag 1

Der Flug war anstrengend. Er war eigentlich nicht besonders lang (1,5 Stunden von Sankt Petersburg nach Moskau, knapp 2 Stunden Wartezeit, dann noch einmal 4 Stunden von Moskau nach Barnaul), aber sehr ungemütlich. Auf dem ersten Teil des Weges konnten David und ich nicht zusammensitzen. Das war okay, denn es war ja nicht wirklich weit. In der zweiten Maschine saßen wir direkt hinter der Business Class. Das bedeutete, dass wir die Plätze mit extra Beinfreiheit hatten. Es hieß aber auch, dass keine weiteren Sitze vor uns waren – bloß die kahle Wand mit drei einsamen, montierten Taschen. Ich nutze die vordere Reihe normalerweise dazu, um meine Füße in die Lücke zwischen Sitz und Fenster zu quetschen. Damit kann ich mich in eine angedeutete Liegeposition bugsieren und etwas dösen. Durch das Wegefallen der Sitze war das nicht möglich, und dementsprechend konnte ich nicht schlafen. Es war dunkel, und ich unendlich müde. Unser Flug ging am Freitag erst spät, um 17.00, ich musste vorher noch arbeiten. Mittlerweile war es 23.00 Uhr, und die Stewardess fragt freundlich „Rind oder Hähnchen?“ „Haben Sie etwas Vegetarisches?“, frage ich erschöpft. „Vegetarisch? Nein.“, gibt die Flugbegleiterin verwirrt zurück. Enttäuscht sinke ich zurück in meinen Sitz. Das laut schwatzende Pärchen hinter mir ist plötzlich verstummt. Ich drehe mich um. Sie sind weg. Sex in der Flugzeugtoilette? Ich schaue gelangweilt aus dem Fenster. Draußen wird es langsam hell. Wir fliegen Richtung Sonnenaufgang. Von hier oben sieht es aus, als bestünde Sibirien aus zahlreichen großen Pfützen. Ich sage: „Schau mal, es sieht aus, als bestünde Sibirien nur aus Pfützen.“ David sagt: „Red keinen Quatsch, das sind keine Pfützen.“ Ich sage: „Pfützen!“ David sagt: „Das sind Seen.“ Ich bestehe: „Pfützen!!!“ David seufzt und schweigt.

Wir steigen am zweitkleinsten Flughafen der Welt aus. (Der kleinste Flughafen ist in Trabzon, Türkei.) Die drei Meter vom Flugzeug bis zum erbärmlichen Gebäude müssen wir natürlich mit dem Bus zurücklegen. Die Sonne blendet. Rund um den Flughafen wiegen sich gold-grüne Pflanzen auf Feldern im Wind. Auf der anderen Seite des „Terminals“ ist ein Birkenwald. Wir werden von unserem Freund Kirill abgeholt, aber er ist noch nicht da. Unser Flugzeug ist früher gelandet als gedacht. Ich sehe mich um. Der Flughafen ist nach irgendeinem sibirischen Astronauten benannt, an der Fassade stehen lauter Daten und Infos. David zeigt aufgeregt auf einen alten sowjetischen Flieger. „Mach ein Foto für Instagram“ „Warum?“ „Ich dachte, das macht man so?“ „Wer interessiert sich für sowas?“ Ich mache ein Foto und poste es auf Instagram.

Besagtes Foto

Auf der anderen Seite sind regenbogenfarbene Blumenkästen in Mottenform. (Ich glaube, das ist der eleganteste Satz, den ich je geschrieben habe.) Ich möchte gerne einen mitnehmen. Leider sind sie sehr, sehr groß. Mit dieser Entdeckung haben wir die Sehenswürdigkeiten des Flughafens von Barnaul ausgeschöpft. Glücklicherweise hupt uns inzwischen ein silberfarbener Minibus an. Hinterm Steuer sitzt Kirill, der aussieht, als bräuchte er dringend Kaffee. Wir drücken aus, wie beeindruckt wir von seinem Auto sind und dass unser Flug ganz ok war. Dann machen wir uns auf den Weg zu seiner Oma.

„Ich habe sie gestern angerufen und ihr Bescheid gesagt, dass ihr heute kommt.“, informiert uns Kirill. „Aber du hast uns doch letzte Woche schon gesagt, dass wir nach unserer Ankunft direkt zu deiner Oma fahren, um dort Pfannkuchen zu essen?“, frage ich verwundert. „Na ja, mit Oma braucht man so früh im Voraus keine Termine zu machen.“ Ich nicke verständnisvoll. Die sibirische Landschaft zieht an uns vorbei, und der Begriff kommt mir sehr surreal vor. Sibirien, das bedeutet Gulags, Permafrost und Taiga. In der Realität sieht es eher aus wie Brandenburg. Eine abgefahrene Straße windet sich durch platte Felder, zwischendurch sieht man vereinzelt heruntergekommene Häuser. Das einzige, was fehlt, sind die Windräder, denke ich. Sibirien hat keine Windräder.

Bevor wir aus dem Auto steigen sagt Kirill „Nichts gegen euch, aber haltet bitte Abstand von meiner Oma. Und tragt eure Masken. Sie ist in der Risikogruppe, sie ist immerhin schon 60.“ Ich erkläre Kirill, dass seine Oma jünger ist als meine Mutter. Kirill zuckt mit den Schultern. „Meine Mutter könnte deine Oma sein“, sage ich. Kirill ist ein Jahr jünger als ich.

Das Haus von Kirills Oma hat eine Garage und einen kleinen Vordergarten. Die Fenster im Flur sind mit pinken Gardinen behangen. Wir gehen direkt hinein, die Vordertür ist natürlich nicht abgeschlossen. Auf dem russischen Dorf braucht man so einen Firlefanz wie Schlösser nicht. Kirills Oma begrüßt uns herzlich, und das Erste, was sie sagt, ist: „Nehmt doch eure Masken ab.“ Kirill sagt: „Warum tragt ihr eure Masken? Das ist übertrieben.“ Ich bin verwirrt, so wie ich noch viele Male verwirrt sein werde während dieses Urlaubs. Unser Freund lotst uns ins Wohnzimmer, während seine Großmutter in der Küche verschwindet. Ich lasse mich auf das gemütliche, dunkelgrüne Sofa fallen und habe Angst, direkt einzuschlafen. Glücklicherweise schaltet Kirill direkt den Fernseher an und zappt durch die Kanäle. Russland Ekstrim, MTV (das gibt es noch?), NTV, TNT, Deutsche Welle. Wir bleiben schlussendlich bei einem Sender hängen, der den ersten Mission Impossible Film zeigt. Kirill und David beschließen, einen Bro-Abend mit Actionfilmen und Energydrinks zu machen. Das laute Klatschen eines Highfives klingt durch den Raum. Dann deutet David auf den überdimensionalen gelben Plüschtiger in der Ecke. „Meine Mutter hat auch so einen“, sagt er. „Meine Schwester auch, und noch einen Zweiten, in weiß.“, erwidere ich. „Sie sind halt alle sehr geschmackvoll“, sagt Kirill. Dann ruft uns seine Oma in die Küche. Schleichend verlässt sie den Raum, während wir unsere Plätze suchen. Die Küche ist sehr modern eingerichtet, die Fenster zeigen zur Straße hin. Der Tisch ist klein, aber gemütlich, es gibt ungefähr 300 Uhren, eine davon digital. Wir trinken frischen Kaffee aus zierlichen Porzellantassen. Ich hätte gerne mehr, traue mich aber nicht, zu fragen. Ich sehe keine Kaffeemaschine. Ich frage mich, was für altertümliche Methoden Kirills Oma zum Kaffeekochen nutzt, dann fällt mir ein, dass sie immer noch jünger ist als meine Mutter. Ich schütte Milch in meinen Kaffee und frage trotzdem nicht. Zu den Pfannkuchen gibt es Smetana, außerdem eine kleine Schüssel mit Süßigkeiten. Ich greife mir einen Oreokeks und bereue es direkt, denn der Keks scheint schon seit einiger Zeit in dieser Schüssel zu liegen. Unglücklich schlucke ich die pampige Masse hinunter und spüle mit dem letzten Schluck Kaffee nach. „Kristina hat sich das Rezept für ihre Pfannkuchen von meiner Oma abgeguckt, es aber ein bisschen abgewandelt. Früher hat meine Oma viel zu viele Eier verwendet. Ich hasse Eier.“, erzählt Kirill, „Sie hat so viele Eier genommen, es waren keine Pfannkuchen mehr, es war Omlett. Also habe ich sie nicht gegessen. Dann hat mein Vater gesagt, stell dich nicht so an, das sind Pfannkuchen. Ich habe gesagt, probier doch mal. Sind das Pfannkuchen? Dann hat mein Vater probiert und gesagt ‚Nein, das ist ein Omlett‘. Seitdem benutzt Oma weniger Eier.“ Ich nicke und bin irgendwie zu müde, um den Sinn der Erzählung richtig zu verstehen.

Nach dem Essen legt Kirill das Geschirr in die Spüle. Warum er es nicht in die sich daneben befindliche Spülmaschine räumt, ist mir nicht klar, aber vielleicht ist das eben so in Sibirien. Danach machen wir uns auf den Weg nach draußen. Wir gehen einen Feldweg hinunter zu einem Baggersee, auch das erinnert mich irgendwie an Deutschland. Es fahren unnatürlich viele Autos auf dem Weg, der es trotzdem schafft, einsam und verlassen zu wirken. David erzählt, dass er als Kind einmal seinen Cousin mit einem Gürtel verprügelt hat. Kirill kann diese archaischen Methoden nicht so ganz nachvollziehen. Ich genieße die leere Landschaft und versuche, die beiden einfach auszublenden. Ich weiß nicht genau, warum wir zu dem Baggersee gelaufen sind, er ist nicht besonders pittoresk. Aber es tut gut, nach der mühsamen Reise die Beine ein bisschen zu strecken und frische Luft zu atmen.

Anschließend fährt Kirill uns in unser Hotel. Es sieht sehr edel aus, mit grünem Samt überall und goldenen Zimmernummern in seltsamer Schriftart. Das Zimmer selbst ist winzig. Neben dem Bett steht ein Pouf, natürlich aus grünem Samt. Wenn man das Fenster aufmacht, wird man vom Lärm auf der Straße direkt taub. Trotzdem bin ich innerhalb von drei Minuten eingeschlafen.

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