Portion!

Wir sind umgezogen und es ist schoen hier. Endlich zwei Zimmer zum Ausbreiten und ich muss nur noch zehn Minuten zur Arbeit laufen. Ausserdem jede Menge Restaurants, Bars, Cafes, Baeckereien um uns herum.

Ich habe neue Arbeit und ein paar neue private Studenten. Jetzt kann ich Artikel schreiben und damit Geld verdienen. Ich wurde auch irgendwo als Uebersetzerin eingestellt, aber ich bin mir noch nicht zu 100% sicher, was daraus wird. Aber wenn nichts, ist das auch nicht so ganz schlimm, mit den neuen Studenten zusaetzlich bin ich eigentlich ganz gut dabei.

In der Theorie sollte ich naechste Woche meine Note fuer die Bachelorarbeit erfahren. In der Praxis hat die Frau vom Pruefungsamt meine letzte Hausarbeit irgendwo verschlampt und muss die erst mal wiederfinden, bevor sie mit der Ausstellung meines Zeugnisses anfangen kann.

Es ist nicht so super viel los in letzter Zeit. David arbeitet viel, und ich versuche ihn ab und zu zum Ausgehen zu animieren. Das scheitert meistens. Ein guter Freund von mir startet mit seiner Band durch. Ich lasse es meistens relativ ruhig angehen, da ich fast jeden Tag arbeiten muss und verkatert nicht unterrichten kann. Vielleicht werde ich aber auch einfach zu alt fuer den Kram. Und David wird in knapp drei Wochen dreissig. Oho.

Das Ramen-Restaurant auf der Zhukovskogo. David bestellt Nudeln, ich bestelle Ramen. Seine Bestellung kommt gefuehlt drei Stunden vor meiner. Ich nasche ein bisschen. „Das ist aber relativ viel Essen fuer eine vegane Portion!“ Dann trifft mein Ramen ein. Die Schuessel ist doppelt so gross wie mein Gesicht. Ein kleiner Mensch koennte drin ertrinken. Ich starre fassungslos in die braune Suppe. Als ich fassungslos wieder nach oben gucke, sehe ich in Davids Telefonkamera. Ich greife zu den Essstaebchen. Nach einer Weile muss ich aufgeben. Die Suppe ist nicht merklich weniger geworden. David versucht sich. Auch er kommt nicht weit. Wir rufen die Kellnerin und fragen, ob wir den Rest mitnehmen koennen. Sie schaut uns an und lacht: „Порция!“, eine Portion.

Ausserdem wollten wir uns heute das Grab von Peter dem Grossen anschauen. Es regnete den ganzen Tag. Es regnete, als ich um 12.30 aufgestanden bin, es regnete, als David um 16.00 von der Arbeit nach Hause kam und es regnete, als wir uns ins Taxi setzten, weil es so regnete und wir spaet dran waren. Ich hatte extra nachgeschaut, die Kathedrale, in der der fruehere Herrscher begraben liegt, hat bis 18.45 geoeffnet. Um 17.20 stehen wir durchnaesst, aber froh ueber unsere Puenktlichkeit, an der Ticketkasse und wollen zwei Eintrittskarten kaufen. Die Frau am Schalter verweist uns auf einen Zettel an der Scheibe, waehrend sie theatralisch die Jalousien schliesst: Ticketverkauf heute nur bis 17.15. Na gut, auf der Couch sitzen, Chips essen und Zelda spielen ist auch okay.

Perlen aus dem Deutschunterricht: „Wie findest du diese Betten?“ „Gut. Die sind fuer mein Penthouse. In jedem Raum eins.“ „Und wie findest du diese Schraenke?“ „Ueberhaupt nicht gut!!“ „Warum?“ „Es sind zu viele!“ — „Und ich… ich bin Nikita… Freut mich, dich .. *seufz* Freut mich.“

Anderes: „Was kann ich dir aus Deutschland mitbringen?“ „Etwas, das nicht so suess ist. Und nahrhaft. Aber kein lebendes Schwein!“ Meine Freunde haben konkrete Vorstellungen.

Ein Trick: wenn du das naechste Mal in eine Bar gehst und der Kellner kommt und bringt dir die Rechnung, leg deinen Finger auf seine Lippen und sag „Shhh“. Ein sexy Augenzwinkern dazu kann den gewuenschten Effekt dramatisch unterstreichen.

Letztens war ich mit Zoe unterwegs. Wir sind durch die Stadt gegangen. Haben Kaffee getrunken. Unspanndes Zeug gemacht, das man an einem unspannenden Mittwoch eben so tut. Dann hatte einer von uns die Idee, eine Flasche Wein zu kaufen. Wie die verantwortungsbewussten Erwachsenen, die wir sind, haben wir die halbe Flasche getrunken und uns danach verabschiedet. Wir wollten den Rest aufs Wochenende verschieben. Also kommt Zoe am Sonntag zurueck, um den Rest der Weinflasche zu trinken. So mein Plan. Zoe hatte allerdings einen anderen Plan, denn sie hat einfach eine zweite Weinflasche mitgebracht. Da ich nicht wollte, dass wieder tagelang eine angebrochene Flasche Rotwein bei mir Zuhause rumsteht, mussten wir die natuerlich auch komplett austrinken. Danach waren wir in Feierlaune, also sind wir noch in eine Weinbar gegangen. Ich wollte ein Glas trinken – einfach nur, um noch einmal rauszukommen, etwas frischer Wind, Tapetenwechsel, ein Glas und dann nach Hause – aber auch diesmal hatte Zoe andere Plaene als ich, denn sie bestellte kurzerhand eine weitere Flasche, die wir dann natuerlich auch austrinken mussten. In der Bar war es laut und es roch unangenehm. Neben uns war eine Maennergruppe, die sich so verhielt, wie sich Maennergruppen eben in Bars verhalten, naemlich furchtbar. Und irgendwie verbreiteten sie auch noch einen unangenehmen Geruch. Also mussten wir die Flasche schnell austrinken. Und weil es uns danach so gut ging, sind wir noch Karaokesingen gegangen und haben dazu noch eine Freundin, Brit, eingeladen. Die brachte noch mehr Menschen mit. Unsere Gruppe bevoelkerte so den halben Keller der Karaokebar, bis auf einen einsamen Mann, den keiner kannte. Der einsame Mann, der aussah wie der Russische Wolverine. Als es Zeit war, sich zu verabschieden, brauchte Brit noch eine Zigarette. Und wer war da, der Retter in der Not, der Mann mit der Zigarette? Der Russische Wolverine. Nach zwei Saetzen sagte Brit „Entschuldigung, mein Russisch ist nicht so gut.“ Woraufhin Wolverine antwortete „Meins auch nicht“. Wir verfielen in Schockstarre. „Woher kommst du denn?“ „Aus Kalifornien“. Natuerlich. Der Russische Wolverine aus Sacramento. Typisch. Trotzdem hat er sich dann ganz Wolverine-like aus dem Staub gemacht: er ist mitten im Gespraech einfach aufgestanden und zurueck in die Bar gegangen. Was fuer eine mystische Begegnung.

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