ach, berlin

mich überkommt immer wieder das dringende bedürfnis, alles aufzuschreiben
aber es passiert einfach nichts
wie wär’s mit einer karriere als schriftsteller, der nichts sagt?
ein nüchternes leben
fern jeglicher inspiration

an der warschauer brücke tummeln sich die touristen,
aber das interessiert mich nicht
ehrlich gesagt machen sie mir ein bisschen angst
diese gesichtslose masse, die so reiseführerdesorientiert die straßen entlangschlendert
aufgeregt auf jedes neue graffiti zeigend
gestikulierend,
die punks mit dem „need € for weed“ schild mit missmutigen blicken entwürdigen
selfies mit honecker
jongleure auf der stralauer allee wissen genau, wie lange die ampel rot ist
mir wäre das ja zu stressig
ueberall riecht es nach urin und obdachlosen
auf dem weg zur uni vergrabe ich meine nase tief in meinem kaffeebecher, wiederverwendbar
aber ich nicht, ich bin wegwerfware
über die friedrichstraße weht ein hauch von tierversuchsfreier seife, chanel no5 und bratwurst,
glasgebäudegiganten neben rosasanierten altbauten
die architektur hier war ganz schön, bis die moderne kam und bagger mitgebracht hat
einkaufszentren epischen ausmaßes verschlingen jegliche authentizität und
konsumieren war noch nie so anstrengend
ich fürchte den tag, an dem ich eine neue hose kaufen muss
300 hilfsbereite azubis wollen mir ihren schlechten geschmack andrehen
ich kaufe, damit sie mich in ruhe lassen und bestelle dann zuhause doch online
mit einem sternie in der hand lässt sich das alles leichter aushalten,
so sitze ich in der ständig überfüllten bahn,
mit den ständig überforderten leuten,
wo man der menschheit
niemals entkommen kann,
gefangen
in dem geruchspendel zwischen parfümerie und drei wochen nicht gewaschen
und der kakophonie von straßenmusikanten und babygeschrei
jeder weg ist eine odyssee, in der man sich verliert
ich weiß nicht genau, wohin mit mir
aber das weiß hier eigentlich niemand so richtig.

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