scripted personalities

Es ist schon sehr sonderbar, was hier und da immer mal wieder passiert. An einem Tag läuft man high durch Hügel und Wälder und erlebt Abenteuer und hat Steine im Schuh und malt sich Welten aus und fällt dann völlig erschöpft ins Bett. Dann trifft man sich mit alten Freunden und fürchtet sich, zu Aldi zu gehen „in diesem Zustand“ und mit einer Flasche Bier in der Hand, die Krönung eines asozialen Lifestyles, und schickt deswegen Andere zum Einkaufen und macht Pfannkuchen. Manchmal nimmt man zwei statt der empfohlenen halben Schlaftabletten zum Einschlafen obwohl man am nächsten Tag arbeiten muss und kämpft mit Kaffee gegen dieses unfassbar schwere Gefühl von Mattigkeit an und fährt dann im Bus wie auf Drogen. Oder man verbringt den ganzen Tag eingekeilt zwischen Decke und Matratze, der Kopf unter dem Kissen, die Hände auf den Ohren, dabei, alles zu tun, um diese Sonne, diese Geräuschkulisse auszublenden darauf wartend, dass irgendwas passiert, irgendetwas besser wird. Bis die Band kommt und dir jemand einen Bass in die Hand drückt und du bist ganz losgelöst und die Bewegungen deiner Finger sind deine Beruhigungstherapie bis du dich umziehst, Kontaktlinsen reinmachst – man muss ja auch mal etwas Neues ausprobieren dann und wann, vielleicht sind Kontaktlinsen ja das neue Ich – ein bisschen Schminke, Tasche packen und raus in die Dunkelheit. Es ist spät, du bist spät, aber als du die Bar betrittst hat das Konzert noch gar nicht angefangen und deine Freundin packt gerade ihre Geige aus. Du bestellst dir ein Bier und es schmeckt irgendwie komisch, aber es ist warm und gemütlich wo du bist, die Musik ist gut, du kommst ins Gespräch mit verschiedenen Menschen und nach dem Konzert sitzt du draußen und rauchst und redest auf einmal russisch und trinkst noch mehr Bier und du bist halbwegs kommunikativ und fühlst dich irgendwie wohl, ist das nicht verwirrend? Wie man vom Googlen von Psychologen in völlig abgeschotteter Dunkelheit in Gespräche über amerikanische Literatur mit Menschen, die man nicht kennt kommt und das alles in wenigen Stunden? Und dann geht es weiter und es wird spät, wie das so ist löst sich die Gesellschaft langsam auf.
„Willst du gemeinsam mit dem Taxi fahren?“
„Nein, danke, ich fahre mit den Öffentlichen.. wobei, wo wohnst du noch mal? Vielleicht liegt das ja auf dem Weg. Aber Moment, ich muss kurz rein und tschüss sagen.“
Ich stehe auf, nicke dem Türsteher zu, laufe durch den kleinen Flur zum Tisch an dem meine Freundin sitzt, bedanke mich bei ihr für das Konzert, wünsche ihr noch mal alles Gute zum Geburtstag, drücke sie und drehe mich wieder um.
„Um das klar zu stellen: ich fragte dich, ob du mit mir, im Taxi, zu mir möchtest.“
„Oh. Ach so. Nun, das ist natürlich was anderes. Warum nicht?“ sagt man dann eben und steigt in ein Taxi. Ich wusste gerade so einen Namen und irgendwie saßen wir auch schon eine Weile, dass sich unsere Gespräche in solche Richtungen drehten ist mir natürlich – wie immer – nicht aufgefallen. Und wie verhält man sich in solchen Situationen? Mir war natürlich klar, worauf das alles im Endeffekt hinauslaufen sollte, und wo waren meine alarmierenden Gefühle?
Weg. Alle. Weg. Ich hatte gar keine Gefühle, nur dieses eine im Hinterkopf von Überforderung, dieses eine, das immer da ist, wenn ich draußen bin, das mich verfolgt, wenn ich mit Personen rede, die ich nicht kenne. Ist es okay, was ich sage? Macht es Sinn? Kann man das überhaupt nachvollziehen? Bin ich jetzt komisch? Und, … was willst du überhaupt von mir?
Und es war sogar ganz angenehm, das alles, die ganze Erfahrung. Wir saßen auf dem Sofa und aßen French Toast und tranken Gin Tonic und redeten und hörten Musik und ich in meiner Nervosität hatte alle möglichen Fragen über seine Wohnung und wir hatten ein paar Pausen aber es war in Ordnung und nicht wirklich unangenehm und ja, natürlich hatten wir irgendwann Sex und ich wusste nicht, dass ich das überhaupt kann. Aber es kann alles so schrecklich nicht gewesen sein denn als ich ging gab er mir seine Nummer und als ich aus der Tür trat lief ich erst mal in die falsche Richtung und traf eine Frau mit Hund und einen Mann mit Kopfhörern und dann stand ich plötzlich am Kanal. Es war hell, es war ja auch schon nach 7 Uhr morgens, ich kaufte mir einen heißen Kakao und eine Laugenstange mit Käse und saß in der U-Bahn und wartete und ließ meinen Abend Revue passieren und lachte in mich hinein, denn bevor ich losging und mir Unterwäsche anzog, dachte ich „Nun, das wird ja eh keiner sehen. Du denkst immer ‚es könnte ja passieren, zieh dir was Schickes an!‘, aber es passiert nie und, seien wir doch mal realistisch, wie würdest du dich überhaupt verhalten? Du, die du nie jemanden an dich ranlässt. Du, die du gerade erst – nach über anderthalb Jahren! – David gesagt hast, dass du dich endlich, endlich wohlfühlst mit ihm?“ also zog ich irgendetwas Altes an, was eben gerade rumlag und so können sich Dinge dann doch eben wenden.

Eine Schattenseite hatte das Ganze dennoch: Zuhause wollte niemand mit mir frühstücken.

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