Dies ist eine sehr ruhige Stadt, es gibt hier nichts zu sehen

Hallo. Ich existiere noch. Und es ist viel passiert. Aus meinem Versprechen jeden Tag zu feiern bevor ich abreise wurde (Gott sei Dank) nichts, aber das heißt natürlich nicht, dass ich mich gelangweilt habe.

Gerade sitze ich in Berlin in der leeren Wohnung einer Freundin, die gerade in Frankreich ist – und ich bin allein. Allein, das erste Mal seit einem halben Jahr. Zwar immer noch irgendwie auf Reisen (ich lebe aus dem Rucksack, nach wie vor), aber in einer deutschsprechenden Umgebung. Es ist alles wie immer. Es ist genauso, wie es war, bevor ich es verlassen habe hier. Nichts hat sich verändert (fast). Nur ich – ich habe mich irgendwie entfremdet. Was sind das für Menschen hier? Was soll diese aufgesetzte Freundlichkeit, dieses Stimmeverzerren? Ich bin verwirrt und fühle mich noch viel weniger hier zugehörig als jemals zuvor.

Letzten Donnerstag als wir nach dem üblichen Gelage im Café Afrika im Poison waren musste ich tatsächlich ein paar Tränchen verdrücken. Nicht unbedingt, weil ich traurig darüber war, dass ich gehen müsste. Nun, das heißt – auch, aber nicht hauptsächlich. Mehr jedoch, weil es alle so furchtbar rührend beschäftigte, mit anderen Worten: meine Freunde und Bekannte waren traurig darüber, dass ich gehe. Ich habe sogar Geschenke bekommen. Einen Kühlschrankmagneten mit Katalanischer Flagge und eine I <3 Russia Espressotasse. Zoe und ich haben unser komplettes Repertoire gesungen. Ich habe versucht, auf einem Skateboard zu skaten. Ich bin mit dem Schienbein gegen die Bühne geknallt und der Länge nach auf eben dieser aufgeschlagen. (Hat aber keiner mitbekommen. Anscheinend.)
Am Samstag hat sich Serat verabschiedet und Stacey und ich sind noch in eine Bar, in der Kot aufgelegt hat (ich werde seine Musik vermissen.) Sonntag war meine eigene Abschiedsparty die damit endete, dass Rick und ich noch bis 7 Uhr morgens bei ihm in der Wohnung rumsaßen und über alles und nichts gequatscht haben. Am Montag haben wir mit Tanja Blokus gespielt (ein großartiges Tetris-ähnliches Brettspiel). Dienstag war ich im Museum sowjetischer Arkade-Maschinen und im General Staff Building der Eremitage. Abends wollte ich eigentlich mit der Redhead Residence ein letztes Mal in unsere Lieblingsnachbarschaftsbar, aber es ist irgendwie alles eskaliert. Tanja, Rick, Stacey und ich spielten Blokus bis Zoe kam, dann spielten wir alle Secret Hitler (was sich übrigens jetzt in meinem Besitzt befindet!), wir bestellten riesige Pizzen und tranken Unmengen an Wein. Am nächsten Morgen verschwanden Zoe und Tanja zur Arbeit und Rick und Stacey brachten mich zu dem Spot, von dem aus ich mich auf den Weg nach Helsinki begeben wollte.

Oder es zumindest versuchte, denn anfangs war ich nicht allzu erfolgreich. Und mit anfangs meine ich die ersten fünf Stunden. Stacey hat es sich dann zur persönlichen Aufgabe gemacht, mich in ein Auto zu setzen, das mich auf den richtigen Weg bringt und nach einem endlos langen Telefonat mit ihrem Vater über die besten Stellen zum Trampen haben wir uns schließlich noch auf den Weg zu einem anderen Ort gemacht. Einem Ort im Norden. Einem Ort der noch nicht mal mehr Sankt Petersburg ist. Dort jedoch wurde ich recht schnell mitgenommen von einem niedlichen Armenier, der mir auch direkt seine Nummer gab und mir versprach, in einer Stunde noch ein mal vorbeizukommen und nach mir zu sehen und falls ich irgendwo in diesem Gebiet steckenbleibe solle ich ihn doch anrufen und er hole mich ab.
Meine nächste Mitfahrgelegenheit brachte mich recht unspektakulär zu einer Tankstelle auf der Landstraße Richtung Finnland. Danach nahm mich ein Taxifahrer mit, der mich trotz meiner nicht vorhandenen liquiden Mittel bis zur Grenze fuhr – weil ich Deutsche bin. Er hörte nicht auf, mir von seiner Familie zu erzählen und stellte immer wieder verwirrende Trickfragen wie: „Meine Schwester wohnt in Dortmund. Sie hat da an einem Schönheitswettbewerb teilgenommen und gewonnen, Miss Niedersachsen. Gibt es so einen Schönheitswettbewerb?“ „Kann schon sein, ich weiß nicht.“ „Miss Niedersachsen, gibt es das?“ „Na ja, wenn es soetwas gibt, dann sicherlich nicht in Dortmund, da Dortmund in NRW liegt..“ „Sie wohnt aber in Dortmund“.
Das war schon ziemlich anstrengend. Er setzte mich dann an der Grenze (eine kleine Schranke irgendwo im Nirgendwo) und rang den beiden Grenzbeamten das Versprechen ab, mich in ein Auto nach Helsinki zu setzen. Es war schon spät und ich ein wenig besorgt, dass ich nicht alleine weitermachen durfte, aber ich setzte mich gehorsam ins Grenzhäuschen, wo ich aufmerksam mit Kaffee verpflegt wurde. Nach ungefähr einer Stunde (und nachdem sorgfältig jedes einzelne Auto herangewunken und befragt wurde) fanden wir mir dann einen sympathischen Finnen, der mich bis in die finnische Hauptstadt mitnahm. Wir sprachen Russisch (Finnen haben einen unglaublich niedlichen Akzent!), standen ungefähr eine Stunde bei drei verschiedenen Grenzübergängen rum und haben in der Zeit vier Mal ein deutsches Auto getroffen, das letzte Mal davon auf der Autobahn nur wenige Kilometer vor Helsinki.

Um elf kam ich am Bahnhof an und wurde dort freudestrahlend von Ansgar empfangen, der schon seit einigen Stunden auf mich wartete. Um zwölf öffnete ich die Tür zum Haus meines Freundes, der mit seiner Frau in der Stadt wohnt – und uns überraschenderweise zu sich zum Übernachten einlud und uns ein üppiges Abendessen und leckeres Frühstück vorsetzte.

Am nächsten Tag machten Ansgar und ich uns dann auf den Weg zum Provinssi Festival – dem ursprünglichen Ziel unserer Finnland-Reise. Das Trampen dorthin verlief auch weithin unspektakulär bis darauf, dass wir ungefähr drei Stunden hinter Tampere auf einer Raststätte versackten. Mit unserem letzten Lift hatten wir aber ziemlich Glück: wir wurden direkt bis Seinäjoki mitgenommen, durften unsere Taschen bei unserer Fahrerin im Auto lassen und sind mit dieser am selben Abend noch bis nach Turku zurückgefahren. Nachdem wir eine Stunde durch Seinäjoki geirrt sind, um Maya und Zoe zu finden („Wir sind beim S-Markt.“ „Okay. Nein, seid ihr nicht. Welcher S-Markt?“ „Na der auf dem Festivalgelände!“), wären wir fast zu spät zum Die Antwoord Konzert erschienen. Doch knapp eine Viertelstunde vor Beginn standen wir in der Menge (oder dem, was für finnische Verhältnisse eine Menge darstellt – ich hatte auf einem Konzert noch nie so viel Platz zum Tanzen). Es war großartig. Ich habe ja nicht viel erwartet, Die Antwoord sind ja auch durchaus eine sehr merkwürdige Band, deren Musik ich nicht unbedingt oft höre. Und das vor allem auch nicht nüchtern. Aber die ganze Show war einfach fantastisch, da konnten die Killers danach auch nicht mithalten. Die boten einfach ein solides Indierock-Konzert, an dem man nichts zu meckern hatte, aber auch nichts zu loben (abgesehen vom unglaublich fancy ausschauenden Jackett des Sängers.)

In Turku angekommen schlugen Ansgar und ich unser Zelt in einem Park etwas außerhalb des Stadtzentrums auf und wurden in unregelmäßigen Abständen von herunterfallenden Ästen attackiert. Turku selbst ist nicht allzu groß, aber niedlich und als wir da waren fand gerade ein Mittelalterfestival statt.
Zurück in Helsinki quartierten wir uns bei einem Couchsurfer ein, der ganz nett, aber auch nicht sonderlich spektakulär war. Überhaupt ist einfach nichts spektakulär, was so in Helsinki geschieht, es ist beschaulich, langweilig und einfach ganz und gar gewöhnlich. Den letzten Tag verbrachte ich dann ohne Ansgar wieder bei meinem Freund und seiner Frau und es war warm und nett und ein angenehmer Abschluss.

Am Montagnachmittag flog ich nach Riga. Ich hatte ja vorher mit einem Couchsurfer gesprochen, der zwei Hostelbetten für uns reserviert hatte und ein wenig später als ich ankam. In der Zeit habe ich schon zwei nette Amis aus dem Hostel unter uns auf der Straße getroffen, die mir ein Restaurant (Stalovaya-Style – aber gemütlich!) mit furchtbar leckerem lettischem Essen gezeigt haben. Mit eben den beiden sind wir dann später auch in eine Bar, in der man sich das Bier selbst zapfen konnte und so die Möglichkeit hatte, viele der dargebotenen Sorten auszuprobieren (was ganz herrlich war). In dieser Bar haben wir noch zwei weitere Amis gefunden, die momentan auf Reisen waren. Der eine hatte einen merkwürdigen Fetisch gegenüber Deutschland, und Deutschen, und er sprach sogar ein bisschen Deutsch. Mit den beiden im Schlepptau sind wir dann weitergezogen, und in der nächstne Bar haben wir noch einen Ami gefunden. Riga besteht gefühlt zur Hälfte aus Amerikanern.
Es ist dann auch nichts weiter Interessantes passiert. Einer der Amis hat dann am Ende versucht, mit mir rumzuknutschen, aber er hat sich schlecht gefühlt, weil er nicht wisse, ob er Zuhause eine Freundin hat und das fühle sich nicht richtig an. (?!) Na ja, egal.

Jetzt bin ich also wieder in Berlin. Gleich muss ich arbeiten und morgen fahre ich nach Bielefeld, um meine Schwester zu besuchen. Ich habe mir bereits ein neues Telefon gekauft (wurde aber auch Zeit, das Display des alten war inzwischen kaum mehr lesbar), Tickets nach LA im September und ich war beim Friseur. Das klingt doch alles recht produktiv.

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