Unendlichkeiten

Um mich herum: schlafende Gesichter, deren Köpfe und Körper sich in hoffnungsloser Sehnsucht nach Gemütlichkeit in zu enge Sitze schmiegen. Grelles Licht unterdrückt erbarmungslos jedes Gefühl von Heimeligkeit, das man beim Reisen manchmal findet.
Motoren rauschen – die Maschine gleitet durch die Dunkelheit – nichts passiert. Drinnen gespenstische Stille, draußen ziehen tanzend winzige Lichterpunkte an mir vorbei. Ich blicke tausend Kilometer tief; auf der anderen Seite des Fensters zerschneiden dröhnend die Triebwerke die Nacht. In der Luft hängt ein Versprechen von Unendlichkeit.Rückflugimpressionen aus Bukarest.

Was macht man noch mal, wenn man Freizeit hat?
Wie ein Hamster bin ich die letzten Tage und Wochen hin- und hergelaufen, habe Thesenpapiere geschrieben, Literatur beschafft, gelesen, verzweifelt, den Kopf geschüttelt, ein Projekt für meinen Auslandsaufenthalt erstellt – er rückt näher. Ich bin fast fertig. Einen Flug gebucht habe ich für Sylvester. Meine Einladung ist auf dem Weg. Piter, ich komme nach Hause! Ich freue mich – und habe Angst. Was, wenn eine freudige Rückkehr nur ein geflüstertes Versprechen in meinem Kopf ist? Was, wenn der Grund meines Wohlfühldaseins in der Stadt meine Freunde, und Tanja, allein waren? Und dann soll ich dort ein halbes Jahr verbringen – und durch Straßen wandeln, die ich mit David verbinde. In Lokalen essen, in denen wir gemeinsam gegessen haben. Durch Gänge schleichen und in Bars trinken und in dunklen Ecken rumknutschen, die wir erobert haben. Werde ich mit Füßen aus Blei durch die Nacht schlurfen oder federleichten Schrittes die Welt umarmen?

Mit David ist alles wie immer. Sinnloses Gequatsche wechselt sich ab mit hemmungslosem Rumgeflirte und unbeholfenen Zuneigungsbekundigungen. Mit erniedrigter Frequenz, nur, wir haben beide wenig Zeit, er vor allem, und dann acht Stunden Zeitverschiebung und abends tot ins Bett fallen, kann das so weitergehen? Ich möchte gerne, dass das so weitergeht. Ich mag den Gedanken von ihm in meinem Hinterkopf und ich in seinem ohne jegliche emotionalen oder realen Verpflichtungen, man ist da oder eben nicht, ein paar Nachrichten am Tag, die einem ein Lächeln ins Gesicht zaubern, zum Beispiel, wenn dir jemand „Guten Morgen mein Schnapps“ schreibt. Sein Gesicht habe ich seit drei Monaten nicht gesehen. Ich traue mich nicht, ich habe Angst, dass mein Herz einfach zerreißt, auseinanderbricht, wie Herbstlaub zu Boden sinkt und knisternd zu Staub zerfällt.

 

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