c’est la vie

Es fühlt sich komisch und auch irgendwie falsch an, nach 3505km herumreisen wieder in Berlin zu sein. Genau eine Woche war ich unterwegs, das sind durchschnittlich ungefähr 500km pro Tag. Von 500 auf 0, das ist schon eine Umstellung.
Was ist eigentlich passiert?

Als ich mich Samstag auf den Weg mache bin ich erst mal ordentlich verwirrt und muss drei Mal die Treppen hoch und wieder runterrennen, bis ich mich endlich auf den Weg zur S-Bahn mache. Es nieselt. Meinen Schirm packe ich trotzdem nicht ein – zu schwer, zu umständlich, zu viel Ballast. Ich habe den Inhalt meines Rucksacks auf ein Minimum reduziert. Diesmal bin ich abenteuerlustig: anstatt zu meinem üblichen Spot zu gehen, um nach Hause zu trampen, gehe ich zu einer Raststätte innerhalb der Stadt, die von meiner Wohnung aus in einer halben Stunde zu erreichen ist. Sobald ich aussteige beginnt der Regen die komplette Straße zu fluten und nach den zehn Minuten, die ich laufen muss, um von der Haltestelle zum Rasthof zu kommen, bin ich komplett durchnässt. Dort angekommen wartet bereits ein anderer Anhalter, weitere zehn Minuten später steigt unsere Anzahl auf drei. Wir haben Glück: Nach zwanzig Minuten nimmt uns ein Mann mit bis nach Michendorf – also dem Ort, an dem ich normalerweise anfange. Ob das so sinnvoll war weiß ich auch nicht, Zeit habe ich dadurch nicht gespart, aber es ist immer besser, schon mal auf der Autobahn zu sein. Ob ich nächstes Mal wieder direkt dort hinfahre, da bin ich mir noch unsicher.
Als ich an der Tankstelle stehe ziehe ich mich erst mal um, denn es ist unfassbar kalt. Super Start in den Urlaub, denke ich mir, aber immerhin werde ich nicht den Berliner Sonnenschein vermissen. Dann fängt das Stehen an. Und das Warten. Von gefühlten hundert Leuten fahren 99 auf die A9 und der Letzte hat keinen Platz im Auto. Angeblich. Einer gibt offen zu, dass er keine Anhalter mitnehmen möchte, und das ist okay. Immerhin bin ich nicht allein. Der Typ, mit dem ich angekommen bin, ist unterhaltend. Irgendwie erinnert er mich an meinen Vater. Als ich ihm das erzähle sagt er mir, ich solle ihn grüßen, wenn ich ihn sehe. Ich nicke. Dann kommen zwei Holländer vorbei, die einwilligen, mich mitzunehmen nachdem sie etwas gegessen haben. Auch der Typ, der aussieht wie mein Vater bekommt einen Lift. Dann spuckt ein vorbeifahrendes Auto einen anderen Anhalter aus. Er will nach Heidelberg und ist ziemlich kommunikativ: Nach zehn Minuten habe ich herausgefunden, dass er in Friedenau wohnt und an der Humboldt Philosophie und Mathe studiert. Dann fragt er mich über unser Kursorganisationssystem aus. Er hat ziemlich viel Glück: das dritte Auto, das er anspricht, fährt bis nach Heilbronn und nimmt ihn mit. Dann kommen meine Holländer wieder und wir verabschieden uns. Sie hatten mich gewarnt, es würde eng im Auto, und sie hatten recht. Mit meinem Rucksack saß ich zusammengequetscht wie Thunfisch zwischen einem großen Haufen Campingzeug auf der Rückbank. Die beiden waren auf ihrem Rückweg von einer Wandertour durch Skandinavien und fuhren nach Den Haag. Die Konversationen im Auto drehten sich um alles, was mir im Kopf hängengeblieben ist: „Als Holländer sieht man Belgien quasi als den kleinen, dummen Bruder.“ und „Wir sollten uns auch darüber streiten, welcher Teil von Holland cooler ist. Du blöder Wessi!“ „Und du blöder Ossi!“ „Eigentlich ist sie der Ossi. Deutschland ist doch auch nur Ost-Holland.“ „Und was ist mit den richtigen Ossis?“ „Die sind Ossi-Ossis!“ Es war eine lustige Fahrt. Wir standen zwar zwischendurch ein wenig im Stau, alles in allem kamen wir aber gut durch und in Oeynhausen angekommen bin ich erst mal Kaffetrinken gegangen, bis Ansgar mich abgeholt hat. Dann hat mich Mike gefragt, ob wir noch zusammen was machen, also saßen Mike, Jakob, Ansgar und ich noch eine Weile in der Stadt rum, tranken Bier, hörten Musik und rauchten. Keine dramatischen Ereignisse, dafür viele nostalgischen Gefühle. Wo ich so darüber nachdenke fällt mir ein, dass der Ort, an dem wir waren, auch gleichzeitig der Ort waren, wo Mike und ich das erste mal mit Jakob gekifft haben. Wie oft wir uns vorgeworfen haben, dass wir Schuld daran seien, dass er danach so drogentechnisch abgestürzt ist!
Auf dem Weg mit dem Rad zu Ansgar nach Hause habe ich mich dann erst mal hingepackt. Wir sind über eine kleine Holzbrücke mit zwei Steinpollern an beiden Enden gefahren. Durch den Regen war die Brücke selbstverständlich nass und rutschig und als ich hinter mir ein lautes PHONK! höre, bremse ich ab um mich umzudrehen und zu schauen, was passiert ist. Dabei glitscht mein Hinterreifen weg. Meinem Handgelenk ist nichts passiert. Und Mike weiß gar nicht, worüber er lachen soll: darüber, dass er gegen den Steinpoller gefahren ist (was das Geräusch verursacht hat) oder darüber, dass ich mich gerade direkt vor ihm flachgelegt habe.
Am nächsten Tag, Sonntag, frühstücke ich mit meiner Mutter. Sie ist ungewöhnlich nett, großzügig und kommunikativ, gibt mir einen Haufen zu Essen aus und drückt mir hinterher noch 15 Euro Reisegeld in die Hand. Ich bin verwirrt.
Aus Oeynhauen wegzukommen erwies sich dann als recht schwer: zwei oder drei Stunden stand ich an der Straße, irgendwann war in mir so viel Unlust, dass ich mich einfach demotiviert auf den Boden gesetzt und meinen Daumen hin- und hergeschwenkt habe. Mit Erfolg: jemand hält an, um mich bis nach Bielefeld mitzunehmen. Und mir dort an der Raste ein Riesenmenü auszugeben und mir zehn Euro zu schenken. Er erzählt mir von seiner Tochter, die ungefähr in meinem Alter ist. Dann von seiner Familie in Istanbul. Er scheint ehrlich besorgt um mein Wohlergehen zu sein und ich bin so gerührt, dass ich fast weinen möchte. Aber nur fast. Nachdem er mich zurückgelassen hat, schaue ich mich ein wenig um und habe diesmal mehr Glück: ich spreche zwei Frauen an, die direkt einwilligen, mich bis nach Köln mitzunehmen. Es ist ein Pärchen, die eine Förderschullehrerin, die andere arbeitet bei einer Behindertenwerkstatt. Es entspannt sich eine rege Diskussion über Inklusion, Leute mit psychischen Behinderungen, Autismus und Hong Kong. Die Fahrt vergeht fix und in Köln angekommen treffe ich mich erst mal mit Lea auf einen Kaffee. Dann kommt auch noch ihr Freund vorbei. Und abends bin ich dann endlich bei Fyn. (<3) Und es gibt superleckere Pfannkuchen mit Tomatensoße und einen Film, von dem ich nicht weiß, was ich halten soll. Mitgenommen habe ich auf jeden Fall die Angst davor, meine Beine im Fahrstuhl zu verlieren.
Als ich auf den Bus warte, der mich zu dem Kreisel bringen soll, von dem ich mich auf den Weg machen will, fällt mir auf, dass es derselbe ist, den ich immer benutzt habe, um Ben zu besuchen. Und ich denke wieder: das Leben ist ein Kreis. Ich fühle mich nicht wohl wo ich stehe und möchte eigentlich nur weg. Bin noch nicht ganz angekommen und immer noch auf der Suche nach einem geeigneten Ort, da hält jemand an, der anbietet, mich nach Düsseldorf zu bringen. Düsseldorf? Auf meiner mentalen Landkarte liegt Düsseldorf definitiv im Süden von Köln. Dort angekommen muss ich dann feststellen: meine mentale Landkarte ist falsch. Also laufe ich einmal vierzig Minuten um die Raststelle herum, um auf die andere Seite zu gelangen. Dort warte ich. Und warte. Und warte. Bis mich irgendwann ein Trucker mitnimmt, dessen Endziel Lyon ist. Wir fahren gemütlich und langsam durch die Gegend, gehen zusammen einkaufen bei Netto, dann in Luxemburg schenkt er mir seinen Kaffeebon und ich kriege Kaffee umsonst. Die Fahrt ist entspannt. Er ist ein bisschen Nazi, aber nicht zu sehr, und ich vermeide einfach, über gesellschaftspolitische Themen zu reden. Kurz vor Nancy steige ich aus. Es ist 18h und noch hell und ich male mir Chancen aus, noch ein bisschen weiterzukommen. Die Tankstelle ist voll von Reisebustouristen, die hier ihre Pause machen. Keiner spricht Englisch, ich spreche kein Französisch. Irgendwann nimmt mich ein weiterer Truckfahrer unter seine Fittiche, bis kurz nach Dijon. Wir kommunizieren via Google Translate und er denkt, ich sei Britin. Als ich ihn aufklären wollte, dass ich eigentlich Deutsche bin, erzählt er mir, dass er Deutschland nicht mag, die Leute nicht mag, das Land komisch findet und ich traue mich nicht mehr, ihn zu korrigieren. Also denke ich mir eine irgendeine plausible Geschichte aus. Mein amerikanischer Akzent wird durch den Google Translator neutralisiert, was es einfacher macht. Er bietet mir an, in seinem Truck zu schlafen, wenn er anhält, aber ich entscheide mich für mein Zelt. Der Rastplatz ist groß genug, es gibt Wald und Wiese. Ich kämpfe eine Stunde lang im Dunkeln mit den Zeltstangen bis eine bricht und meine Hände voller Splitter sind. Den Größten ziehe ich mir wieder aus dem Daumen während ich in meinem Mund mein Handy habe, zur Taschenlampe umfunktioniert. Ich komme mir vor wie ein Chirurg. Aber ich war erfolgreich und irgendwann kann ich mich endlich zur Ruhe legen. Nur schlafen funktioniert nicht – es ist schlichtweg zu kalt. Im Laufe der Nacht ziehe ich mir immer mehr an, aber friere trotzdem und fühle mich, als wäre es mitten im Winter. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus, denke, dann eben nicht, schaue auf die Uhr und stelle fest: es ist schon acht. Ich fange an zu packen, mache mir Tee und ein paar Nussplibrote, baue mein Zelt ab und begebe mich auf die Suche nach Menschen, die mich mitnehmen. Trotz der Schlaflosigkeit bin ich gut gelaunt.
Trampen durch Frankreich ist unglaublich einfach. Auch, wenn man kein Französisch kann, sind die Leute wunderbar aufgeschlossen, hilfreich und freundlich. Und das erforderliche Französisch habe ich im Laufe der Reise gelernt. Ich hoppe ein bisschen von A nach B, hier 50km, dort 100, an irgendeiner Raststätte winkt eine Frau dramatisch mit einer Tüte Pommes, die sie mir im Anschluss in die Hand drückt, dann nimmt mich ein neuseeländischer Holländer über Lyon mit bis nach Orange kurz vor Marseille. Und endlich kann ich wieder vernünftig Englisch reden. Nachdem er mich absetzt fühle ich mich ein bisschen so, als würde ich einen guten Freund für immer verabschieden, aber nur kurz. Dienstag um Fünf komme ich in Nizza an. Erst mal: Strand. Lesen. Chillen. In die Ferne gucken, das Meer bewundern. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Bar und Schlafen, bin müde, aber abenteuerlustig und entscheide mich dann für Bar. Die Lokalität ist ausgefallen und gemütlich, das Bier schmeckt, aber der Preis ist Wucher und es ist komplett überfüllt und es bietet sich niemand an zum unterhalten, also ziehe ich ein wenig verwirrt und einsam durch die Straßen, bis mich ein freundlicher Marokkaner von hinten anquatscht und mich auf ein paar Bier am Strand einlädt. Wir sitzen am Wasser, unterhalten uns über Quatsch, hören laut schlechte Musik und trinken Bier aus Dosen. Das heißt: ich trinke Bier aus Dosen. Er trinkt Orangina. Er erzählt mir, dass er zum Arbeiten nach Frankreich gekommen sei, aber dass die Jobsituation schwierig ist. Er wohnt im Hotel und beitet mir einen Schlafplatz an, aber ich lehne dankend ab. Dann erklärt er, dass er auf Männer stehe und ich keine Angst zu haben brauche, aber ich fühle mich trotzdem nicht wohl dabei. Zwischendurch traf ich auf ein paar Deutsche, die ich gefragt habe, in welchem Hostel sie abgestiegen sind, und dieses suche ich dann auf, nachdem ich mich von meinem Marokkaner verabschiedet habe. Ich habe ein Zwölfbettzimmer, das verlassen aussieht, bis irgendwo aus dem Hintergrund ein mittellautes ‚Hello!‘ erönt. Ich erschrecke mich total. Dann zwinge ich den Intriganten, mit mir runter in die Bar zu kommen. Wir laufen in eine Gruppe Amerikaner, die ihn schon vermisst hatten. Die Gruppe Amerikaner denkt, ich sei Amerikanerin. Kurz überlege ich, so zu tun, als sei das korrekt, entscheide mich dann aber dagegen. Wir hänge eine Weile in der Bar rum, bis vier von uns sich dazu entscheiden, schwimmen zu gehen. Der Intrigant wird mit Zeug vollbehangen, weil er nicht mitwill. Ian sagt, er würde seine Crocs verlieren (einer mit, einer ohne Strap-On – das kann ich jetzt nicht erklären.), ginge er schwimmen. Harrison begleitet mich. Ich bin zu faul, mich auszuziehen. Ein Fehler: mein T-Shirt ist immer noch nass. Das Wasser ist noch warm und wir lassen uns ein wenig von den Wellen hin- und herschaukeln. Ian und der koreanische Intrigant geben irgendwann auf und Harrison und ich finden unseren Weg in einen kleinen Irish Pub, der einzige noch offene Ort für ein Bier. Als ich in meinem Bett lande stelle ich fest, dass es schon vier Uhr ist. So viel zum Thema Schlaf nachholen.
Mittwochmorgen lasse ich entspannt angehen. Harrison und ich hatten uns zum Frühstück verabredet. Das Hostelbuffet spricht uns beide nicht an, also suchen wir eine kleine Bäckerei, die verführerisch duftende Croissants und Milchkaffe anbeitet. Die Sonne kommt raus, es ist warm, die Palmen wippen ein bisschen hin und her und ich fühle mich gelöst. Wir spazieren ein wenig durch die Stadt und reden über Sinnlosigkeiten, bis ich schließlich den Bus zu meinem designierten Spot nehme. Nicht ohne Schwierigkeiten: irgendwann bleibt das Gefährt mitten auf der Straße stehen. Dann beobachte ich, wie der Fahrer und einer der Gäste aussteigen und kurzerhand zusammen ein liegengebliebenes Auto von der Straße schieben. Russische Verhältnisse, denke ich.
Der Spot ist großartig und innerhalb von drei Minuten hält jemand, der mich nach Monaco bringt. Monaco ist nur leider nicht so weit. Ventimiglia, ein Dorf kurz hinter der italienischen Grenze, auch nicht. Der Nachteil von Ventimiglia ist nur, dass man dort nicht wegkommt. Zumindest nicht Richtung Genua. Also bin ich wieder umgedreht und zurück nach Nizza gefahren, mit zwei Mädels, die so aussahen, als seien sie nur kurz zum Pizzaholen rüber gefahren. Kurz darauf hält eine Frau an, die anbietet, mich nach Turin zu fahren. Sie hat einen britischen Akzent. Ich bin erleichtert und steige ein. Sie ist Kletterinstrukteurin, ihr Eltern sind Briten, aber sie ist in Chamonix aufgewachsen und wohnt in den Bergen, hat Freunde besucht und fährt jetzt wieder zurück. Wir verstehen uns gut, sie erzählt mir, dass sie wieder am Mt Blanc wohnt und erzählt mir, wie schön es dort sei. Mein Tagesziel war Mailand. Von Turin aus wäre das nicht mehr weit gewesen.
Um 20h komme ich in Chamonix an, mitten im französischen Teil der Alpen. Meine Fahrerin hat mich zu sich nach Hause eingeladen und sie wohnt in einem atemberaubend hübschen kleinen Holzhaus, zusammen mit ihrem Freund, ihren zwei Kindern und einem Au-Pair Mädchen. Es gibt gebratenen Reis mit Eiern und Ketchup zum Abendessen. Die Atmosphäre ist gemütlich und geschäftig und am nächsten Tag bringt mich der Freund in die Stadt während er seinen Sohn in die Schule fährt. Ich nehme mir Zeit, ein bisschen die Gegend zu erkunden und es ist wirklich unfassbar schön. Ich laufe ein wenig durch die Berge, kriege einen kurzen Lift bis an die schweizerische Grenze, laufe wieder ein wenig durch die Berge, werde dann mitgenommen bis Martigny, dann bis Basel. Der Mann im Auto ist verwirrt. Er hat ein Treffen mit einem Cousin in Martigny, dann will er weiterfahren. Ich warte. Er braucht lang. Er ist Belgier, der in Frankreich gewohnt hat, jetzt in der Schweiz und Bier importiert. Er fährt Citroen, weil das gemütlicher ist, aber für die Stadt hat er einen Porsche. Er erklärt mir die Schweiz, die Landschaft, was man so sieht. Er wettert gegen die deutsche Flüchtlingspolitik und ich drücke mich in meinen Sitz in dem Versuch, mich mit meinen Ansichten zu enthalten. Er gibt mir ein Tomate-Mozzarella-Sandwich und eine Cola aus, bevor er mich kurz vor der deutschen Grenze rausschmeißt.
Dort treffe ich auf zwei Polen, die unterwegs sind nach Hause und wenig glücklich seit vier Stunden an der Ausfahrt stehen und verzweifelt versuchen, jemanden zu finden, der ihn mit nach Freiburg nimmt. Dann kommt noch ein anderer Typ vorbei, der nach Stuttgart will. Stuttgart ist auch mein Endziel, also schauen wir zusammen, laufen über den Parkplatz, aber niemand scheint nach Deutschland zu fahren, bis ich ein älteres Ehepaar finde, dessen Auto bis zum Rand gefüllt ist mit Kleinkram und das nach Frankfurt fährt. Ich lasse den Typen hinter mir, es ist nur Platz für einen und für den auch nicht mal ganz genug. Die beiden sind süß, erzählen mir von ihrem Sohn, der in Berlin Journalismus studiert hat und sich jetzt so durchschlägt. In Baden-Baden werde ich rausgeschmissen, es ist noch früh und ich überlege, was nun am Schlauesten zutun ist: nach Stuttgart fahren? Oder vielleicht auf einen Lift nach Berlin hoffen? Oder Richtung Heimat fahren? Ich lasse mir die Möglichkeiten offen. An der Raststätte begrüßen mich fröhlich zwei Wandergesellen, die auf dem Weg nach Mainz sind. Nach einer guten Viertelstunde finden wir einen Schweizer, der auf dem Weg nach Hannover ist. In die Heimat also, denke ich, und bin aufgeregt, noch so viel Strecke zurücklegen zu können. Im Auto sitzend stelle ich irgendwann fest: der fährt ja gar nicht über die A2. Also fange ich fieberhaft an zu überlegen, was ich tun soll. Doch nach Stuttgart? Oder bis Hannover und dann nach Berlin weiter? Oder in die andere Richtung? Die Wandergesellen laden mich nach Mainz ein. Das scheint mir die einfachste Lösung. Als sie ihren Freund anrufen, den sie besuchen wollten, stellt sich heraus, dass dieser gar nicht Zuhause ist. Also fahren wir alle zusammen nach Hannover. Dort angekommen schenkt uns der Schweizer sein Käsefondue und wir suchen uns eine gemütliche Bar. Dann treffen wir zwei Mädchen, die die Abgabe der Bachelorarbeit einer Freundin feiern und laden sie ein, mit uns zu trinken. Gegen zwölf machen wir uns auf den Weg zum Zunfthaus. Es sind ein paar Gesellen dort, aber niemand, der Lust hätte, mit uns rumzuhängen, also fläzen wir uns aufs Sofa, essen Käsefondue, trinken Bier, rauchen Gras und spielen Call of Duty. Wir sind unfassbar schlecht. Auf einmal ist es sechs Uhr morgens und wir hören Känguru-Chroniken zum einschlafen. Um acht wache ich wieder auf und will los, aber das Bad ist permanent besetzt. Ich piekse Paule an, um ihm zu sagen, dass ich mich auf den Weg machen soll. Der zieht mich in sein Bett, wir kuscheln ein bisschen und ich schlafe wieder ein. Dann ist irgendwann endlich das Bad frei und nach dem Frühstück ziehe ich los. Ich ärgere mich ein wenig über mich selbst, weil ich um 16h in Berlin sein wollte und das locker geschafft hätte, wenn ich rechtzeitig aufgestanden wäre. So bin ich um 17.30 Zuhause. Der Typ, der für mich angehalten hat, ist mit konstanten 120 gemütlich über die Autobahn geschneckt. Seine Freundin war Russin und kam aus Vladikavkaz. Wir haben uns viel über den Kaukasus und Ossetien unterhalten, dann hat mir der Kerl, Künstler, natürlich, mein Horoskop mitgeteilt, meinen Mond und meinen Aszendenten. Ich bin skeptisch, aber tue interessiert. Und bin froh, als ich endlich durch die Tür meiner WG trete.

Ich will noch gar nicht Zuhause sein. Ich will weiterfahren. Es war so schön. Es war nicht mal teuer. Und es war warm in Frankreich. Ich habe wundervolle Leute getroffen und mich rundum wohl gefühlt. Wenn man so unterwegs ist, hat der Kopf gar keinen Platz für all den Müll, der sonst immer in ihm vorgeht. Man hat nur noch Gedanken übrig wie: wo kriege ich etwas zu Essen? Wo kann ich schlafen? Wie kriege ich einen Lift? Wo will ich hin? Wie weit muss ich heute noch kommen?

Nachgedanken: als ich so bei Fyn im Bett lag und über den Film sinniert habe, da habe ich David ganz schön vermisst. So geht mir das, irgendwie, wenn ich Filme auf Englisch schaue und Leute mit amerikanischem Akzent reden höre. Ich texte ein bisschen mit Harrison hin und her und es ist ein komisches Gefühl.

Wenn man so alleine reist, dann ist man nie alleine. Es klingt paradox, aber ich hatte keine Zeit und keine Kapazitäten, um mich mit den Sorgen auseinanderzusetzen, die mich sonst so beschäftigen: Studium, David, Einsamkeit, Wohnen, Rastlosigkeit.

Ich glaube, ich bin nicht dafür gemacht, still zu stehen, eine feste Bleibe zu haben. Ich mag dieses unterwegs sein. Ich mag es, einfach nur auf der Straße zu sein. Das Ankommen ist das Stressige. En route zu sein ist simpel.

Mal schauen.

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