Pizza

Ich liege im Bett und starre an die Decke. Das mache ich häufiger in letzter Zeit. Im Hintergrund versucht mein Ofen, mit kräftigem Brummen eine Tiefkühlpizza aufzuwärmen. Zu einer gesünderen Mahlzeit hatte ich keine Energie mehr.

Ich muss gerade eine Hausarbeit schreiben. 6000 Wörter. Keine Kleinigkeit, aber kein Ding der Unmöglichkeit in den Semesterferien. Aber ich muss auch 30 Stunden nebenbei arbeiten. Ein 7-wöchiges Auslandspraktikum vorbereiten. Nebenbei manchmal ein bisschen freiberuflich Lektorieren und Übersetzen, weil das Geld als Werkstudentin für meine Miete nur ganz knapp reicht. Ja, ich bin bafögberechtigt, aber das Bafög wäre noch weniger als mein Gehalt. Wohngeld kriege ich deshalb trotzdem nicht.

Im Sommersemester wurde uns gesagt, dass wir die Fristen für unsere Hausarbeiten, anders als im Wintersemester, nur im Notfall werden verlängern dürfen. Hohe Arbeitsauslastung sei kein Notfall. Aber was soll ich machen? Nicht arbeiten? Ich kann keinen Urlaub nehmen – der geht für mein unbezahltes Vollzeitpraktikum drauf. Und das auch nur zur Hälfte. In der zweiten Hälfte meines Praktikums muss ich nebenbei weiterarbeiten. Klar, es gibt Stipendien. Aber nur, wenn man mindestens ein halbes Jahr im Voraus plant. Wie soll das funktionieren, mit der Pandemie? Ich kann selbst jetzt nicht sicher sein, ob nicht doch im September wieder alles zugesperrt wird und ich mein Praktikum doch nicht antreten kann. Dabei sind es nur noch zwei Wochen bis dahin.

Nicht alle haben ein Sicherheitsnetz, das sie auffängt, wenn sie straucheln. Wenn ich strauchle, dann habe ich ein Problem. Dann muss zuerst die Uni dran glauben und danach die Arbeit. Nein, meine Eltern können mich nicht unterstützen. Ich bin Arbeiterkind. Meine Mutter ist aufgrund einer Behinderung in Frührente und bekommt eine bescheidene Rente. Mein Vater? Keine Ahnung.

Ich dachte, ich schaffe das. Mit der Hausarbeit und den 30 Stunden. Aber die Bibliotheken sind zu. Man kann sich Arbeitsplätze buchen, aber man muss die ganze Zeit mit FFP2-Maske dort sitzen. Zudem habe ich meine Uni noch nie von Innen gesehen – ich habe 2020 angefangen mit meinem Master. Ich weiß also nicht, wie die Arbeitsplätze aussehen, wo sie sind. Das klingt vielleicht lächerlich, aber in unbekannten Situationen fühle ich mich sehr unwohl. Und dazu noch die FFP2-Maske, die ich natürlich trage, wenn ich muss, aber nicht mit Freuden. Wie soll man so arbeiten, wenn man ständig vor Nervosität am Platz hin- und herrutscht?

Ich dachte heute, ich simuliere ein bisschen richtiges Studentendasein und frage meine Freunde, ob sie mit mir wenigstens in einem Café arbeiten. Aber keiner hatte Zeit. Und die, die Zeit hatten, studierten an einer anderen Uni, in dessen Bibliothek ich mich nicht setzen durfte als Externe.

Dass die Büchereien zu sind bedeutet auch, dass man nicht nach Büchern stöbern darf. Man kann sie sich ausleihen, wenn man es vorher online vormerkt. Aber man kann nicht die Regalreihen entlanggehen und nach weiteren Quellen suchen. Man kann sie nicht vor Ort durchgehen und gegebenenfalls wieder zurückstellen, wenn man sie nicht braucht.

Nach zwei Coronasemestern und der völligen Ignoranz der Politik den Student:innen gegenüber, bin ich psychisch völlig am Ende. Ich weiß, wenn die Inzidenz im Herbst wieder hochgeht – und das wird sie, denn sie steigt ja jetzt schon – dann sind wir die ersten, die wieder Abstriche machen müssen. Dass Hygienekonzepte in Kitas möglich sind – denn die Eltern der Kinder in eben diesen Kitas müssen schließlich fleißig in die Steuerkasse zahlen – , in Hochschulen aber nicht, ist der blanke Hohn. Und dann liest man überall in den Nachrichten: meiste Coronainfektionen bei den 20-30-jährigen. Die jungen Erwachsenen, die gehen die ganze Zeit raus, reisen, Party machen. Die sind Schuld daran, dass die Pandemie sich weiter ausbreitet. Seit anderthalb Jahren immer zurücksteckend, was soll man da auch erwarten? Zudem es in Berlin bis Juli fast unmöglich war, einen Impftermin zu bekommen, sofern man keine schlimmen Vorerkrankungen mit sich brachte.

Ich bin müde. Ich bin ausgebrannt. Ich bin frustriert. Ich bin verzweifelt. „Vielleicht solltest du mal eine Therapie machen“, könnte man mir jetzt sagen. Und ich antworte: Ja, liebend gern. Aber es gibt keine Plätze. Ich habe es versucht.

Also esse ich stattdessen Pizza und liege im Bett. Ich glaube, vielleicht sollte ich einfach aufgeben.

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