In beliebiger Reihenfolge

Ich war heute allein. Ich bin aufgewacht und war allein. Dann habe ich mich mit jemandem in der Uni getroffen, der meine Hilfe benötigte, einen Film zu schauen. Also schaute ich einen zweistündigen Film über David, einen Juden, der von Polen nach Berlin nach Wien flieht und übersetzte ihn auf Englisch/Russisch für eine Packung Kekse. Zuhause war ich dann wieder allein. Ich war so lange nicht mehr ohne jegliche Nebenpräsenz in diesem Zimmer, ich habe diesen Tag herbeigesehnt, ihn erwartet, erhofft und jetzt – bin ich allein. Und ein bisschen aufgeschmissen.

Ich habe heute ein neues Rezept ausprobiert zu dem mich Stacey inspiriert hat: Chinakohl mit Karotten und Zwiebeln in Sesamöl geröstet und in Sojasoße gedünstet. Dazu „italienisch“ (was auch immer das in Russland heißen mag) eingelegten, angebratenen Tofu. Und, ja, es war unglaublich lecker. Das mache ich ab jetzt häufiger (sagte sie und machte das Gericht nie wieder). Ich will mehr schreiben. Ich will mich mehr dem Schreiben widmen. Irgendwer muss es ja tun. Irgendwann will ich ja auch davon leben.

Ich sitze/liege gerade auf dem Sofa und esse sowas ähnliches wie Gummibärchen. Als Vegetarierin isst man nicht oft sowas ähnliches wie Gummibärchen, vor allem, wenn man eigentlich keine Gummibärchen mag, aber das hier ist lecker. In Himbeerform gepresster Erdbeer- und Apfelsaft. Warum in Himbeerform? Weil IKEA das so entschieden hat. Ich sollte mir eine größere Community für meinen Blog anschaffen, aber ich bin zu schüchtern. Niemand ist je Autor vorm schüchtern sein geworden, denke ich, und vielleicht fehlen deswegen so viele Dinge in der Literatur. Leute, die einfach schonungslos ehrlich und realistisch sind. Nicht dieser wischi-waschi Quatsch. Leute wie Grossmann. Leute wie Beecher Stowe. Nicht mal ich bin ehrlich und realistisch, wenn ich ehrlich bin. Ich lüge die ganze Zeit, sogar hier, sogar mir selbst gegenüber, sogar wenn ich eigentlich gar nicht lügen will, dann habe ich einfach die Wahrheit vergessen.

Ich werde meine Kamera verkaufen und mir ein handlicheres Format zulegen. Ich werde eine Fahrradtour durch Wales machen. Ich werde in Californien leben. Ich werde meine Bachelorarbeit schreiben. So, ich habe es gesagt. Jetzt muss ich es tatsächlich tun. Es ist einfacher, wenn man aufhört „Ich will das irgendwann machen“ zu sagen, und sich stattdessen sagt, dass man es auch tun wird. Ich war in New York, weil ich gesagt habe, ich werde nach New York fahren. Ich bin in Sankt Petersburg, weil ich gesagt habe, ich werde in Sankt Petersburg leben. Ich kenne jemanden, der seit acht Jahren in Russland Englischunterricht gibt, weil er nicht mit ansehen konnte, dass sein Freund Russisch spricht und er nicht. Auf die Frage, warum er denn nun Russischunterricht nehme antwortete er mit dem Erstbesten, das ihm einfiel: ich will Englischlehrer in Russland werden. Daraufhin begann sein Umfeld damit, sich regelmäßig zu erkundigen, wann es denn für ihn endlich losgeht, also schrieb er eine Bewerbung, um sagen zu können: Leute, ich habs versucht. Und dann wurde er angenommen. Und dann kam er nie wieder zurück. Jetzt geht er nach China. Ist das nicht inspirierend? Er lebt eine Lüge, die angefangen hat, ihm Spaß zu machen. Ich meine, er ist ein Arschloch und so, das einfach aus dem nichts aufgehört hat, mit mir zu reden, aber trotzdem inspirierend.
Also noch mal: ich werde eine Fahrradtour durch Wales machen. Ich werde in Californien leben. Ich werde meine Bachelorarbeit schreiben.
In beliebiger Reihenfolge.

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