С новым годом

Hallo, 2017. Du auch hier? Mein Jahr beginnt diesmal auf einer Datscha, irgendwo im Süden Petersburgs. In meiner Hand ein Glas Sekt mit einer verbrannten Serviette darin, auf der sich meine Neujahrswünsche befinden. Auf dem Tisch steht eine riesige Auswahl an Salaten, Brot und Käse, im alten Steinofen knistern die Holzscheite, im Fernsehen redet Putin.
Früher am Tag haben wir die Hütte dekoriert, ich durfte unseren Tannenbaum schmücken, wobei Tannenbaum hier ein Euphemismus ist: ein toter, sich im Wind biegender Ast, behangen mit ein paar Christbaumkugeln und einer Girlande ist wohl nicht das, was man im Allgemeinen einen Tannenbaum tauft. Der Moment jedoch, in dem ich zum ersten Mal seit Jahren wieder diese Kugeln in der Hand hielt – unbezahlbar. Als hätte sich all meine Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit, nach Familie und Harmonie, nach Routine, nach Ritualen in dieser einen Handlung manifestiert. Weil kein Schnee lag, haben wir uns kurzerhand selbst welchen gemacht mit einer dieser Sprühdosen mit weißem Zeug. Wenn das Neujahrsgefühl nicht zu uns kommt, dann kommen wir eben zum Neujahrsgefühl. Es war schön, weil es so ehrlich war in seiner Einfachheit. Unsere Hütte hatte kein Badezimmer, die Toilette war zehn Meter den Garten hinunter, ein kleines rotes Häuschen. Man musste eine Taschenlampe mitnehmen und durch den Schnee stapfen. Man denkt, man ist darauf vorbereitet, wenn man nachts auf Festivals über Zeltleinen und besoffene Leichen stolpert auf dem Weg zum Dixi, aber es ist doch etwas anderes. Im Sommer schneit es eher selten.
Es war wieder eines dieser Male, bei denen man sich aus der Gesellschaft ausklinkt, nur wir und der Alkohol, kein Internet, keine Zivilisation, kein fließendes Wasser. Es war auch ein bisschen langweilig, manchmal. Was aber auch daran lagt, dass mein Russisch einfach nicht gut genug ist. Deswegen war ich auch ein wenig erleichtert, dass ich heute ein wenig telefonieren konnte, als ich heim kam. Ein wenig. Drei Stunden. *seufz.

Aber was ist eigentlich letztes Jahr passiert?
Letztes Jahr zu Sylvester war ich in Antwerpen, mit Florian. Bei diesem merkwürdigen Couchsurfer, bei diesem Konzert, alles in allem, kann man machen. Danach dieser plötzliche Impuls: selbst wenn das mit der Eremitage nicht klappt, ich gehe nach Russland. Und dann Bewerbungen, Visaanträge, Untermieter suchen und auf einmal: Город-Герой Ленинград. Diese Unsicherheit am Anfang mit der Sprache, der Stadt, Tanja, der Schule, den Briten. Dieses Ich-Gehöre-Hier-Nicht-Hin-Gefühl, Angst, Depression, und dann: doch. Das hier bin ich. Das hier ist mein. Zwei Monate, die gefühlt kontinuierlich bergauf gingen bis kurz vor Schluss. I can’t do that anymore — If I took a cab right now, does it mean I could have you? — Enjoy the rest of your life, Лупций. Dann Reisen. Gute Erfahrungen sammeln, schlechte Erfahrungen sammeln. Einzigartige Eindrücke, fantastische Augenblicke – und Momente, die ich lieber schnell vergessen will. Erster Tag wieder in Berlin, Sonnenschein, Schlachtensee, Ruderboot, ein Joint mit Logan. Der Semesterstart, holprig, stressig, schwerfällig, aber voller Energie, voller Gelassenheit, voller Lust aufs Leben. Über meinen Geburtstag spontan mit Lea nach Stettin trampen, bei irgendwelchen Barkeepern übernachten und auf dem Weg zurück Radio Brandenburg hören, draußen Regen, drinnen Coffee To Go. Eine Woche später Bristol, Celia, Love Saves The Day, fremde Menschen, fremde Bars, fremde Schlafzimmer. This is the chord of towel-finding und Menschen Sorgen bereiten, die ich nicht mal kenne. Zurück nach London und den in letzter Minute umgebuchten Bus ohne Handy verlassen. Nut-butter-tasting contest, Kiffen in Chelsea, heißes Wasser aus dem Wasserhahn. Und dann endlich: Sommer. In der Uni noch mal reinhauen, dann so oft wie möglich an den See fahren und feiern, feiern, feiern. Noch mal auf nach Polen, Woodstock, Dilated Peoples, Dragonforce, Harmonie. Weiterfeiern, Drogen ausprobieren, auf Wolke Sieben schweben, Zeit totschlagen, immer weiter. Zufällig auf Sabina in der Mensa treffen, zufällig nach Prag fahren, tausend Kilometer laufen und, natürlich, wie sonst, unabsichtlich in David laufen. Kuscheln, küssen, reden, wandern, alles wie immer, nichts hat sich geändert, drei Tage ausharren, dann: Besuch. Wir verlassen nicht das Bett, draußen ist unwichtig, alles ist egal, wir haben unsere eigene Welt. I don’t want to talk to you again. This is it, I guess. Und es geht mir gut, geht mir gut, geht mir gut, ich war ja nie verliebt. Auszeit in der Uckermark, mehr Gras als mein Körper verarbeiten kann, mehr Essen, als jemals jemand notwendig hätte, Stand-Up-Paddling, die Seele baumeln lassen, an nichts denken, weg sein. Vor Semesterbeginn noch mal: reisen. Köln, Nancy, Nizza, Chamonix, durch die Schweiz, Hannover und zurück, Sonne tanken, Aufmerksamkeit genießen, bei Fyn im Bett liegen, glücklich, zufrieden, und denken: Fuck. Ich vermisse dich doch. Aber es ist nicht wahr, natürlich nicht, bis ich diesen Brief finde. Diesen Brief, den ich schrieb in St. Petersburg, den ich David mitgeben wollte, bevor alles irgendwie umgefallen ist, diesen Brief, in dem Sätze stehen wie On a scale from 1 to American History X you’re a Se7en because you’re brutal, man. Und merken: ich will das nicht aufgeben. Wer hat gesagt, ich muss das aufgeben, nur, weil du am anderen Ende der Welt bist? Und anscheinend ging es nicht nur mir so. Vorsichtiges schreiben, dann Skypen, ein bisschen, dann mehr, es hat sich eigentlich nichts verändert. Doch: ich bin offener. Und dann war da noch: Spontanflug nach Bukarest, feiern in irgendeiner Gaybar, die letzten Atemzüge einer goldenen Herbstsonne genießen. Dann mitten im neuen Semester merken: doch, Russisch, das ist es. Und sich plötzlich in neuen Anträgen für Auslandssemester wiederfinden – und dafür, Russisch zu meinem Hauptfach zu machen. Und jetzt bin ich hier. Mein Jahr hat da geendet, wo es letztes Jahr aufgehört hat. 2016, das heißt viel knutschen, kuscheln, viel mir-doch-egal, viel mach-ich-einfach, viel ich-weiß-jetzt-was-mich-glücklich-macht. Depressiv sein, das heißt momentan nicht mehr völlig erdrückt im Bett liegen, wochenlang. Wochen wurden zu Tagen, und völlig erdrückt wurde zu ermattet. Reisen, das heißt nicht mehr ausschließlich weg von, sondern auch hin zu. Und Familie ist nicht nur das, was meine DNA mit vorgibt. Liebe ist nicht nur Sehnsucht, es ist auch Gelassenheit. Und Glücklichsein ist nicht nur Ablenkung, sondern Ruhe finden in allem, was mich umgibt. Ich kann den Lärm in meinem Kopf und um mich herum nicht ausschalten. Aber ich kann ihn hinnehmen.

Übermorgen geht’s nach Moskau, dann weiter nach New York. Dann zurück nach Berlin und wieder nach St. Petersburg. Fehlplanung, die mich Zeit kostet. Fehlplanung, die mich auch viel Geld kostet. Aber das ist okay.

Eigentlich ist alles okay, man muss nur aus dem richtigen Winkel schauen.

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